Die organisationswirtschaftliche Antwort auf ein organisationswirtschaftliches Problem
Europa hat ein Souveränitätsproblem in der digitalen Infrastruktur, und Europa hat eine Antwort darauf. Das Problem ist real, die Antwort verrät mehr über die Ordnung, die sie hervorbringt, als über das Problem, das sie lösen soll.

Zunächst die Diagnose, der niemand widersprechen wird. Der jüngste Brussels Economic Monitor der WKO bilanziert nüchtern, was längst zu ahnen oder bekannt war: Die Vereinigten Staaten verfügen über die viereinhalbfache Rechenzentrumskapazität der Europäischen Union. Von den sieben größten Technologieunternehmen der Welt sitzt genau eines in Europa. Der Kontinent ist, in den Worten des Monitors, ein Nachzügler im Rennen um strategische Technologien. Die kritische Schicht der digitalen Wertschöpfung – Rechenleistung, Spitzenmodelle, die Infrastruktur, auf der alles Weitere aufsetzt – liegt außerhalb des eigenen Hoheitsbereichs. Wer sie kontrolliert, kontrolliert die Bedingungen, unter denen europäische Akteure überhaupt handeln können.

Frank Schäfflers Buch gehört in die ehrwürdige Reihe der publizistischen wirtschafts- und finanzpolitischen Aufklärung. Es ist nie oberflächlich, im Gegenteil: Es verbindet finanzpolitischen Sachverstand mit der Erfahrung des langjährigen Bundestagsabgeordneten, dessen persönliche Erlebnisse immer wieder als anschauliche Belege eingeflochten werden. Daniel Stelters knappes Vorwort – „Schulden, die Ketten der Unfreiheit“ – setzt den Ton. Doch das Buch löst diesen Ton nicht in Alarmismus auf, sondern in geduldige Erklärung.
Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?
Simon Geissbühler, Schweizer Diplomat und vielschreibender Autor abseits seines Berufs, hat ein Buch über das Eigensinnige vorgelegt. Drei Figuren strukturieren den Band: der Renegat, der Outlaw, der Einzelgänger – verstanden als Verfechter individueller Freiheit gegen Konformitätsdruck und Massendynamik. Das Anliegen formuliert der Verfasser unverstellt: „Dieses Buch will aufzeigen, dass es möglich, richtig, hart, aber auch schön ist, gegen den Strom zu schwimmen. Es versammelt Notizen, die über die Jahre entstanden sind.“ Der zweite Halbsatz bezeichnet die Gattung präziser als der erste die These.
Vor fünfzig Jahren hat Friedrich August von Hayek eine Diagnose gestellt, die präziser war als fast alles, was die Geldtheorie seither hervorgebracht hat. Das staatliche Monopol über die Geldproduktion, so Hayek, ist nicht die natürliche Ordnung der Dinge, sondern eine politische Entscheidung — und eine folgenreiche. Die Instabilität der Marktwirtschaft, die man dem Markt anlastet, ist in Wahrheit die Instabilität des Geldes. Und das Geld ist instabil, weil es dem Marktprozess entzogen wurde. Die Therapie, die Hayek vorschlug, war ebenso konsequent wie folgenlos: Währungswettbewerb, konkurrierende private Emissionsbanken, Entnationalisierung des Geldes.
Unter Fachleuten kursieren derzeit Deutungen, die man vor zehn Jahren noch nicht gehört hätte – jedenfalls nicht in dieser Offenheit. Der Begriff Staatskrise fällt, wenn gebildete Menschen und erfahrene Praktiker über Deutschland sprechen. Assets außerhalb des Euroraums zu halten gilt nicht mehr als exzentrischer Vorbehalt, sondern als schlichte Klugheit. Und die Frage, ob eine Dekade der Vermögensvernichtung absehbar ist, wird nicht mehr nur von Außenseitern gestellt. Irgendetwas hat sich in der Einschätzung des Möglichen verschoben.


