Schlagwort-Archiv:Wettbewerb

Geldordnung im Umbruch

Eine ordnungspolitische Bestandsaufnahme

Unter Fachleuten kursieren derzeit Deutungen, die man vor zehn Jahren noch nicht gehört hätte – jedenfalls nicht in dieser Offenheit. Der Begriff Staatskrise fällt, wenn gebildete Menschen und erfahrene Praktiker über Deutschland sprechen. Assets außerhalb des Euroraums zu halten gilt nicht mehr als exzentrischer Vorbehalt, sondern als schlichte Klugheit. Und die Frage, ob eine Dekade der Vermögensvernichtung absehbar ist, wird nicht mehr nur von Außenseitern gestellt. Irgendetwas hat sich in der Einschätzung des Möglichen verschoben.

Diese Verschiebung ist kein Stimmungsphänomen. Sie hat eine Struktur – und die lässt sich ordnungspolitisch benennen.

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Die Bucht – mehr als libertäres Strandgut

Eine ordnungsökonomische Lektüre von „Tage am Strand“

Anne Fontaines Film Tage am Strand (2013, Originaltitel Adore) verfilmt Doris Lessings Novelle The Grandmothers. Zwei Freundinnen seit der Kindheit, Lil und Roz, leben in einer abgeschiedenen australischen Bucht. Ihre Söhne Ian und Tom sind zusammen aufgewachsen. Im Sommer, in dem die jungen Männer etwa zwanzig sind, beginnt eine über Kreuz gelegte Affäre: Ian geht zu Roz, Tom zu Lil. Keiner hat die Mutter des anderen zuvor als Frau wahrgenommen, niemand empfindet das Arrangement als Bruch eines Tabus. Die Bucht erlaubt alles, was außerhalb undenkbar wäre. Die Affäre dauert Jahre, überlebt die Ehen der Söhne mit gleichaltrigen Frauen und endet erst, als diese jüngeren Frauen erfahren, was geschieht.

Der Film ist schön gefilmt, die Darstellerinnen sind in Reichweite ihrer Rolle, und die Kritik hat ihn überwiegend für konventionelle Einwände genutzt: abwesende Väter, hölzerne Dialoge, unglaubwürdige Konstellation. Diese Einwände verfehlen das Interessante. Was den Stoff analytisch bemerkenswert macht, ist weder der Altersunterschied noch die moralische Grenzüberschreitung, sondern die Struktur der Konstellation und das, was sie über die Bedingungen ihrer eigenen Stabilität verrät.

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Die Wettbewerbswährung, die Europa nicht wollte

Es gibt Ideen, die zur falschen Zeit am richtigen Ort stehen – präzise ausgearbeitet, institutionell anschlussfähig, politisch nicht gewollt. Roland Vaubels Parallelwährungsvorschlag von 1977 gehört dazu. Fast fünfzig Jahre später, inmitten einer Debatte über digitale Zentralbankwährungen, Stablecoins und die Erosion des Vertrauens in das Eurosystem, verdient er eine Wiederentdeckung – nicht als historische Kuriosität, sondern als Beleg für eine Wegscheide, die bewusst nicht genommen wurde.

Ein Kieler Dissident

Roland Vaubel legte seine Dissertation 1977 an der Universität Kiel vor, unter Herbert Giersch, dem Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Gründungsmitglied des Sachverständigenrates – einer der prägenden Figuren der deutschen Ordnungsökonomik der Nachkriegszeit. Das Thema war die europäische Währungsunion, damals noch ein Fernziel, nach dem gescheiterten Werner-Plan und dem holpernden Europäischen Währungssystem ein ungelöstes Problem.

Vaubels Antwort war ungewöhnlich. Er fragte nicht, wie man die Wechselkurse am besten fixiert, sondern ob Fixierung überhaupt der richtige Weg ist. Seine empirische Analyse der realen Wechselkursveränderungen in der Europäischen Gemeinschaft zeigte: Die Mitgliedsländer unterschieden sich in ihren Inflationsraten und Anpassungsbedarfen so erheblich, dass eine erzwungene Kursfixierung nicht Stabilität erzeugte, sondern Anpassungslasten auf Beschäftigung und Löhne verschob. Das war ein eigenständiger Beitrag zur Theorie optimaler Währungsräume, neben Mundell, McKinnon und Kenen, nicht von ihnen abgeleitet.

Aber Vaubel blieb nicht bei der Diagnose. Er schlug einen Mechanismus vor.

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