Kategorie-Archiv:Inspiriert

Der Gärtner und der Planer

Es braucht die Entfernung, um die Proportionen wiederzusehen. Nach langen Reisewochen durch Wälder und an Küsten wirken die Nachrichten fast absurd, die Themen der sozialen Medien befremdlich – nicht weil sich ihr Inhalt geändert hätte, sondern weil die Fähigkeit zurückgekehrt ist, ihre Dringlichkeitssignale zu bemessen. Der Wald relativiert nicht die Inhalte. Er relativiert die Erregung, mit der sie ausgestattet sind. Denn der Wald sendet nicht. Keine Instanz will dort meine Aufmerksamkeit; die Ordnung ist da, ohne adressiert zu werden. Die Stadt, jedenfalls die mediale Schicht über ihr, kennt diese Senderlosigkeit nicht. Sie zieht Aufmerksamkeit nicht an, sie richtet sich an mich.

Das ist die erste und tragende Unterscheidung, und sie verläuft nicht zwischen Natur und Stadt, sondern zwischen senderloser und senderförmiger Ordnung.

Vor einigen Jahren habe ich Städte vor allem als Arbeitsmarktnetzwerke verstanden, mit Hayek gegen die Anmaßung der Planer und mit Alain Bertaud gegen die Illusion, komplexe Koordination lasse sich zentral entwerfen (Link FFG). Das gilt weiter. Aber die Reise hat eine zweite Ebene freigelegt, die der ökonomische Blick nicht erfasst: die sinnliche. Sie ist es, die das Empfinden trägt, und sie verdient dieselbe Ernsthaftigkeit wie das Argument.

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Der liberale Generalstab, wiedergelesen

Vorspann 2026 zu einem Text von 2016

Der folgende Text war eine Dinner Speech, gehalten am Vorabend der XII. Gottfried-von-Haberler-Konferenz in Liechtenstein im Mai 2016 – in der etwas kompakteren Fassung, die dem Anlass streng genommen allerdings noch zu lang war, mit dem inhaltlich verantwortlichen Veranstalter aber abgestimmt. Geschrieben unter dem Eindruck einer damals empfundenen Zersplitterung liberaler Kräfte, die sich seither eher vertieft als gemildert hat. Ich stelle ihn hier wieder ein, weil sein Kern über die Jahre nicht verblasst, sondern schärfer geworden ist und weil er, im Licht meiner jüngeren Arbeit gelesen, mehr enthält, als ich 2016 selbst ausgeführt habe.

Die Grundfigur ist die des preußischen Generalstabs als Ordnungsidee: eine Institution, die, mit Trevor Dupuys Formel, nicht vom zufälligen Erscheinen großer Führerpersönlichkeiten abhing, weil sie große Führer selbst hervorbrachte. Das ist, in militärhistorischem Gewand, exakt der Gedanke, den ich vor kurzem in einer Korrespondenz zum Atomausstieg auf eine knappe Form gebracht habe: Eine gute Ordnung erspart Helden. Sie macht das Gelingen unabhängig vom Glücksfall der begnadeten Einzelperson, indem sie die Bedingungen institutionalisiert, unter denen Tüchtigkeit entsteht und sich vermehrt – Ausbildung, Auslese, gemeinsame Methode, das fortgeschriebene Handbuch, die Manöverkritik.

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Die Bucht – mehr als libertäres Strandgut

Eine ordnungsökonomische Lektüre von „Tage am Strand“

Anne Fontaines Film Tage am Strand (2013, Originaltitel Adore) verfilmt Doris Lessings Novelle The Grandmothers. Zwei Freundinnen seit der Kindheit, Lil und Roz, leben in einer abgeschiedenen australischen Bucht. Ihre Söhne Ian und Tom sind zusammen aufgewachsen. Im Sommer, in dem die jungen Männer etwa zwanzig sind, beginnt eine über Kreuz gelegte Affäre: Ian geht zu Roz, Tom zu Lil. Keiner hat die Mutter des anderen zuvor als Frau wahrgenommen, niemand empfindet das Arrangement als Bruch eines Tabus. Die Bucht erlaubt alles, was außerhalb undenkbar wäre. Die Affäre dauert Jahre, überlebt die Ehen der Söhne mit gleichaltrigen Frauen und endet erst, als diese jüngeren Frauen erfahren, was geschieht.

Der Film ist schön gefilmt, die Darstellerinnen sind in Reichweite ihrer Rolle, und die Kritik hat ihn überwiegend für konventionelle Einwände genutzt: abwesende Väter, hölzerne Dialoge, unglaubwürdige Konstellation. Diese Einwände verfehlen das Interessante. Was den Stoff analytisch bemerkenswert macht, ist weder der Altersunterschied noch die moralische Grenzüberschreitung, sondern die Struktur der Konstellation und das, was sie über die Bedingungen ihrer eigenen Stabilität verrät.

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Haltung im Niedergang

Rudolf-Christoph von Gersdorff und die Frage nach Maßstäben im institutionellen Verfall

Die Autobiographie Soldat im Untergang von Rudolf-Christoph von Gersdorff ist kein Buch, das sich aufdrängt. Sie ist ruhig, sachlich, unaufgeregt. Gerade deshalb entfaltet sie eine eigentümliche Wirkung. Nicht durch dramatische Selbstinszenierung, nicht durch moralische Anklage, sondern durch die stille Evidenz einer stimmigen Lebenshaltung.

Gersdorff erscheint darin als Soldat, Gentleman, Zeitzeuge – vor allem aber als jemand, dessen Leben von einem inneren Maß zusammengehalten wird. Pflicht, Selbstdisziplin, Verantwortung gegenüber Untergebenen, Loyalität gegenüber der Ordnung, solange sie Ordnung ist. Keine Ideologisierung, keine Pose. Auch dort, wo er an den Rand des Erträglichen gerät, bleibt der Ton nüchtern. Man spürt: Hier schreibt jemand, der sich nicht rechtfertigen muss.

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Liberale Prinzipien im Kleinen: Was uns erfolgreiche Teams über freie Gesellschaften lehren

Richard Feynman erzählt in seinen Memoiren eine aufschlussreiche Episode aus dem Manhattan Project. Die Berechnungen für die Atombombe waren kompliziert und gingen quälend langsam voran. Dutzende Frauen saßen an mechanischen Rechenmaschinen und tippten Zahlen ein – Tag für Tag, Stunde um Stunde. Die Produktivität war miserabel.

In einer Besprechung diskutierte man Lösungen. Höhere Bezahlung? Bonuszahlungen? Strengere Kontrollen? Feynman stellte eine simple Frage: „Wissen die überhaupt, woran sie arbeiten?“

Betretenes Schweigen. Natürlich wussten sie es nicht. Geheimhaltung. Aber Feynman bestand darauf: „Sagt es ihnen.“

Man tat es. Und die Produktivität explodierte.

Die Rechnerinnen tippten nicht mehr nur Zahlen. Sie arbeiteten daran, den Krieg zu beenden und die westliche Zivilisation zu retten. Dieselben Menschen, dieselben Maschinen, dieselbe Aufgabe – aber mit Sinn und Zweck.

Was Teams und freie Gesellschaften gemeinsam haben

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Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biographie

Ein stiller Selbstdenker erwacht zu neuem Leben

Jörg Späters monumentale Biographie über Siegfried Kracauer (rund 750 Seiten) ist zunächst gewöhnungsbedürftig – wer rechnet schon damit, dass die Lebensgeschichte eines Architekten-Feuilletonisten-Filmtheoretikers derart packend werden kann? Doch genau das gelingt dem Freiburger Historiker: Er erweckt einen stillen, stotternden, wenig sichtbaren Selbstdenker zu neuem Leben.

Kracauer verkörpert einen bewussten Grenzgänger: ein Intellektueller, der aus gefühlter Einsamkeit und prekären Verhältnissen heraus in Spezialistenkreisen innoviert und dabei gesellschaftliche Tiefenstrukturen freilegt. Später zeigt, wie dieser „pan-optische Deuter der Moderne“ aus großem intellektuellem Drang die „unscheinbaren Oberflächenäußerungen“ seiner Zeit – Filme, Tänze, Ornamente – zu epochalen Diagnosen destilliert. Keine Heldengeschichte, sondern das Porträt eines Außenseiters zwischen den Disziplinen.

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Auf den Spuren einer seltenen Spezies

Ein hoch dekorierter Wehrmachtsoffizier als moralisches Vorbild? Die Brüder von Boeselager und die Kunst des Widerstands ohne Heroismus

Als Panzeraufklärer kenne ich den Namen Boeselager aus dem Wettkampf – jenen anspruchsvollen Spähparcours, der meine Truppe bis Mitte der 1990er Jahre forderte. Sein Konterfei prägte eine große Wand im Stabsgebäude. Georg von Boeselager steht für militärische Innovation: die gelungene Verbindung von Kavallerie und mechanisierten Kräften, taktische Brillanz, Tapferkeit und Führungsqualität. Doch seine wahre Größe liegt anderswo.

Das Paradox des denkenden Offiziers

Ausgerechnet ein Wehrmacht-Offizier als Vorbild für heutige Führungskräfte? Das klingt provokant. Doch Georg von Boeselager gehörte zu einer seltenen Spezies: Er war ein denkender Offizier in einer Zeit systematischen moralischen Versagens, insbesondere von Teilen der Generalität. Während seine Kameraden sich hinter „Befehl ist Befehl“ versteckten, entwickelte er eine klare Hierarchie: Gewissen über Gehorsam, moralische Verpflichtung über institutionelle Loyalität.

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Stahlwalzen-Rhythmus und Seele: Warum Hard Rock das erdige Lebensgefühl einer Generation war

Drücken Sie Play bei Whitesnakes „Crying in the Rain und hören Sie genau hin. Was Sie in den ersten Sekunden erleben (besonders ab 0:31), ist mehr als Musik – es ist eine Lebenswelt.

Da ist er wieder: dieser unerbittliche, rollende Achtel-Groove. Wie eine Panzerattacke in Zeitlupe, wie Waschmaschinen, die nach vorne rollen, wie eine Erdölförderpumpe, die unaufhörlich den Rhythmus des Industriezeitalters pumpt. Das ist der DNA-Baustein des Hard Rock – und zugleich der Soundtrack einer Ära, die zwischen Maschine und Seele, zwischen Kraft und Emotion ihre eigene Spiritualität fand.

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Gut sterben

Dieser Text auf The Free Press hat bei mir Eindruck hinterlassen: Ancient Wisdom: How to Die Well. Charlotte Grinberg kennt sich mit dem Sterben aus. Und sie hat viele bedenkenswerte Dinge darüber zu sagen. Man kann den Text mehr als nur einmal lesen. Und man darf darüber nachdenken, statt die nächste Nachricht zu konsumieren.

Das sind drei bemerkenswerte Passagen, die den Kern des Artikels erfassen:

1. Gesellschaftliche Verdrängung: „Even when patients receive a terminal diagnosis, many of them and their families cling to the idea that there’s still more time. I often hear ‚The doctors must be wrong,‘ or ‚They’re giving up too early,‘ or ‚This is just temporary. We’ll try hospice for now.‘ We are often asked not even to use the word hospice.“

2. Der natürliche Sterbeprozess: „Most of the time, dying is not sudden or dramatic. It is not a single moment—it is a process that can go on for days, sometimes weeks and even months. Understanding this can help ease fear… the more you witness death, the more you learn to just surrender—to time, to place, to outcome.“

3. Tod als Lehrer: „I believe death should not be seen only as an ending. It is a teacher, a mirror, a catalyst. It shapes how we live, how we spend our time, where we seek meaning. Death shouldn’t be feared throughout life; it can motivate us to live better.“

Diese Passagen weisen auf zentrale Aussagen hin: Verdrängung vs. Akzeptanz, praktisches Verständnis des Sterbens, und Tod als transformative Kraft für das Leben.

Man kann zudem über den Artikel diskutieren. Sind soziale Kontakte so ziemlich das Wichtigste im Leben? Gilt das für die Masse der Menschen, für jeden? Was ist noch wichtig, vielleicht wichtiger? Wie wir gut leben und gut sterben ist nicht zuletzt eine individuelle Frage. Allerdings gibt es bedeutende Muster auf die Charlotte Grinberg hinweist.

Jazz Poems

 

 

 

 

 

 

 

A friend told me
He’d risen above jazz.
I leave him there.

Michael S. Harper

Derartige feinsinnige Weisheiten findet der Leser in Hülle und Fülle in dem wohlsortierten Gedichtband von Kevin Young. Poet – Essayist – Herausgeber – Professor, nicht weniger und doch mehr als nur diese Worte. Wer ihn kennt, braucht keine Erläuterungen, wer noch nicht, dem sei als Einstieg seine Homepage empfohlen: Kevin Young Official Website.

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