Kategorie-Archiv:Ordnungsökonomik

Verteidigung, Etatismus und die falsche Debatte

Warum die Prozentzahl beim Verteidigungsetat ablenkt – und welche Frage wir stattdessen stellen sollten

Pixabay: Matias_Luge

Am Sonntag (Montag gesendet) durfte ich beim Kontrafunk über Rüstungsausgaben sprechen. Eine Viertelstunde, ein dichtes Briefing als Interview, einige Zahlen, wenige Zuspitzungen. Die Botschaft, die mir wichtig war, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wir führen die falsche Debatte. Während sich Kommentatoren und Politiker an der Frage abarbeiten, ob zwei, drei oder vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgegeben werden sollen, bleibt die eigentlich entscheidende Frage unbeantwortet. Sie lautet nicht: Wie viel Geld? Sondern: Wer erledigt welche Aufgaben – der Staat oder freie Bürger?

Diese ordnungspolitische Grundfrage wird kaum gedacht, kaum thematisiert und vielleicht sogar zu oft nicht verstanden. Vielleicht stößt sie dennoch hier oder dort an, und es wird ein wenig später darüber nachgedacht. Diese Frage ordnet die Rüstungsdebatte in einen größeren Zusammenhang ein und macht sichtbar, warum Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit selbst dann nicht im wünschenswerten Ausmaß zurückgewinnen würde, wenn die Etats verdoppelt würden.

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Welche Krise meinen wir eigentlich?

Wave Rock, Westaustralien – eine Welle, die nicht bricht, sondern gewachsen ist. (Quelle: ejakob, pixabay)

Eine begriffliche Vorklärung zur Lage Deutschlands

Im deutschen Mediengetümmel verschwimmen die Krisenbilder. Mal ist von Stagnation die Rede, mal vom drohenden Absturz, mal von einem Reformstau, mal von einer Zeitenwende. Politik müsse endlich handeln, der Kollaps stehe bevor, das Land falle zurück. Was im Einzelnen zutreffen mag, ergibt zusammengenommen ein diffuses Bild – und genau darin liegt das Problem. Wer Krise sagt, meint selten dasselbe wie sein Gegenüber. Und wer alles zugleich für Krise hält, kann zwischen Symptomen, Ereignissen und Strukturen nicht mehr unterscheiden.

Eine begriffliche Vorklärung ist deshalb keine akademische Spielerei. Sie entscheidet darüber, welche Indikatoren relevant sind, welcher Zeithorizont gilt und welche politischen Schlussfolgerungen sich überhaupt ziehen lassen.

Drei Krisenbegriffe

Im öffentlichen Diskurs werden mindestens drei analytisch trennbare Bedeutungen von „Krise“ durcheinandergebracht:

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Wenn Politik Preissignale nicht versteht

Eine ordnungspolitische Einordnung

Die neue Regel für Tankstellen in Deutschland ist ein kleines Beispiel mit großer Aussagekraft: Wenn Politik Preissignale nicht versteht, reguliert sie Symptome – und verschärft Ursachen.

Was als Verbraucherschutz gedacht war, erweist sich als Lehrstück wirtschaftspolitischen Irrtums. Preisänderungen an Tankstellen dürfen nur noch einmal täglich um 12 Uhr mittags erfolgen. Das sollte Transparenz schaffen, den Markt beruhigen und das Tanken berechenbarer machen. Tatsächlich zeigt die Maßnahme vor allem, wie tief das Misstrauen gegenüber Preisen inzwischen sitzt – und wie gering oft das Verständnis für ihre Funktion ist.

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Eigentum als Ordnung – nicht als Privileg

Die Diskussion um das Privateigentum hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschoben. Was lange als selbstverständlicher Bestandteil der marktwirtschaftlichen Ordnung galt, wird heute zunehmend als politisch disponibler Faktor behandelt: als verhandelbares Gut, als moralisch zu rechtfertigender Besitz, als sozial zu konditionierende Ressource. Eigentum erscheint nicht mehr als Ordnungsprinzip, sondern als Problemfall – je nach Größe, Herkunft oder Verwendung.

Diese Verschiebung wird häufig als Detailfrage verkannt. Es gehe, so heißt es, um Wohnraum, um Vermögenskonzentration, um soziale Gerechtigkeit oder um fiskalische Fairness. Tatsächlich aber steht weit mehr auf dem Spiel. Wer das Privateigentum relativiert, greift nicht einzelne Besitzstände an, sondern das institutionelle Fundament der Marktwirtschaft selbst – und damit zugleich eine zentrale Voraussetzung der freien Gesellschaft.

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Kriegswirtschaft als Denkfehler

Eine ordnungspolitische Klarstellung

Der Begriff „Kriegswirtschaft“ erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Spätestens seit der russischen Invasion in der Ukraine und der offen strategischen Neuorientierung Chinas wird er genutzt, um einen grundlegenden geopolitischen Bruch zu beschreiben. Auch Daniel Stelter greift diese Deutung auf – unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Thesen von David Baverez.

Die geopolitische Diagnose mag in Teilen zutreffen. Ordnungspolitisch jedoch ist die Rede von der „Kriegswirtschaft“ hochproblematisch – und zwar nicht nur semantisch, sondern institutionell.

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Analyse der deutschen Reformunfähigkeit: Struktur, Dynamik, Ausblick

Diese Analyse beschreibt die Mechanik dieser Reformunfähigkeit:
Pfadabhängigkeiten, politökonomische Blockaden, eine überlastete Verwaltung und ein politisches Personal, dem vor allem Handlungsspielräume fehlen. Deutschland driftet – ohne dramatischen Bruch, aber auch ohne Richtung.

Ziel dieses Papiers ist es, die Funktionsweise dieses Drifts – Drift = Bewegung ohne Steuerung, Abbau ohne Kollaps – nachvollziehbar zu machen und die Punkte zu identifizieren, an denen ein späteres Erneuerungsfenster entstehen könnte. Nicht als Prognose, sondern als strukturierte Lagebeschreibung eines Landes, das zwischen Stabilität und Stillstand verharrt und vor einer dauerhaften Erschöpfung seiner institutionellen, ökonomischen und politischen Leistungsfähigkeit steht.

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Die Versuchung der Ordnung – Ein Plädoyer für die Kunst dezentral zu bleiben

Planung ist die Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum.
— Robert Nef

„Die Kunst des Fortschritts besteht darin, inmitten des Wechsels Ordnung zu wahren, inmitten der Ordnung den Wechsel aufrechtzuerhalten.“ 
— 
Alfred N. Whitehead

Jeder Garten, der ohne Gärtner gedeiht, verführt uns zu der Annahme, jemand müsse ihn geplant haben.
Wir sehen die Symmetrie seines Wachsens, das stille Gleichgewicht seines Lebens – und glauben an eine verborgene Hand. Doch da ist nur Zeit, Zufall und die leise Disziplin der Natur: ein sich selbst ordnendes System, das sich korrigiert, ohne je kommandiert zu werden. Das gelingt sogar im Fall einer Renaturierung – wunderbar beschrieben hat das Isabella Tree in ihrem Buch „Wilding. The Return of Nature to a British Farm“. Die prosperierende Natur kommt durch unsichtbaren Hände, Hufe, Flügel, Schnäbel, Knospen und Wurzeln entwickelt sich ungeplant.

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Reformen: Die regelbasierte Ordnung als Fundament westlicher Zivilisation

Eine Erneuerung Europas und Deutschlands wird nicht gelingen, wenn diese grundlegenden Einsichten vernachlässigt werden – klasse Artikel von Paul Mueller:

Die regelbasierte Ordnung als Fundament westlicher Zivilisation

Mueller hebt hervor, dass die Herrschaft des Rechts – im Gegensatz zur Willkür Einzelner – eine der größten Errungenschaften der westlichen Kultur war.

=> Zusammenhang von Kultur und Regeln

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Kapitalismus – kaum verstanden

Kapitalismus gehört zu den am meisten verwendeten und zugleich am wenigsten verstandenen Begriffen der Gegenwart. Für viele ist er gleichbedeutend mit Konzernen, Konsum, Reichtum, vielleicht auch Ungleichheit. Doch wer genauer hinsieht, erkennt, dass das Wesen des Kapitalismus selten begriffen wird – nicht nur in der öffentlichen Debatte, sondern auch unter Ökonomen.

Im Gespräch zwischen Mike Munger und Russ Roberts auf EconTalk wird dieses Unverständnis auf den Punkt gebracht. Munger sagt unverblümt: „Most people don’t understand capitalism at all.“ Statt von Kapitalismus zu sprechen, als sei er eine politische Ideologie oder ein moralisches Urteil, rückt das Gespräch zwei fundamentale, aber oft übersehene Begriffe ins Zentrum: Arbeitsteilung und Marktgröße.

Diese Begriffe wirken zunächst unspektakulär. Doch wer sie ernst nimmt, beginnt Kapitalismus nicht nur anders zu sehen – sondern überhaupt erst zu begreifen.

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