Autor-Archiv:Michael von Prollius

Ich schreibe über Ordnung, Freiheit und Verantwortung – mit Blick auf Geschichte, Gegenwart und Perspektiven einer freien Gesellschaft. Als Ökonom, Historiker und Publizist gilt mein Interesse den Voraussetzungen politischer und wirtschaftlicher Strukturen, die individuelle Würde achten und Entwicklung ermöglichen.

Warum Deutschlands Lage kein Politikversagen ist — Teil II: Wer gewinnt?

Der erste Teil dieser Überlegung hat eine unbequeme These vertreten: Deutschlands wirtschaftliche Abwärtsbewegung ist kein Versagen. Sie ist das erwartbare Ergebnis einer Ordnung, die genau das produziert, was sie produziert. Der Vorwurf des Versagens setzt voraus, dass jemand etwas anderes wollte und daran scheiterte. Der Befund war der umgekehrte: Es funktioniert, nur eben nicht in Richtung Wohlstand.

Diese These hat eine Schwäche, und ich habe sie im ersten Teil nicht ausgeräumt. Wer sagt „kein Versagen, sondern Systemlogik“, der spricht implizit alle Beteiligten frei. Aus „niemand ist schuld” wird „es lag an der Struktur“, und die Struktur ist bekanntlich niemand. Das ist bequem, und es ist unvollständig. Denn eine Ordnung besteht aus Regeln und aus Menschen, die unter diesen Regeln handeln, sie schreiben, sie nutzen. Wer nur den Mechanismus zeigt, macht aus einer Analyse eine Entlastung.

Dieser zweite Teil fragt deshalb nach der anderen Seite. Nicht: Wer hat versagt? Sondern: Wie kann eine Ordnung so gebaut sein, dass niemand entscheiden muss und das Ergebnis dennoch feststeht? Der Fall, an dem sich das zeigen lässt, ist die deutsche Kernenergiepolitik — und er führt an einen Ort, den ich selbst nicht erwartet hatte.

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KI: Automatisierbarkeit als Diagnose

Es gibt eine bequeme Klage über KI-gestütztes Schreiben: Es sei seelenlos, glatt, ohne Handschrift. Die Klage verfehlt das Interessante. Denn die Maschine erzeugt die Abgestandenheit nicht – sie legt sie offen.

Man nehme einen ordnungspolitischen Text, der nach bekanntem Muster verfährt: ideengeschichtliches Original einsetzen, aktuelle Lage anlegen, staatstragende Formel abbinden, mit vermittelnder Synthese beruhigen. Ein solcher Text lässt sich mühelos automatisiert erzeugen. Aber der Grund dafür liegt nicht in der Leistungsfähigkeit der Maschine. Er liegt in der Struktur des Denkens. Was sich nahtlos automatisieren lässt, war bereits vor der Automatisierung algorithmisch: eine Anwendungsvorschrift, kein Gedanke.

Damit wird Automatisierbarkeit zum Diagnosewerkzeug. Nicht die Frage „Hat hier eine KI mitgeschrieben?“ ist aufschlussreich, sondern: „Hätte sie es gekonnt, ohne dass etwas verloren geht?“ Wo die Antwort Ja lautet, war der Eigensinn schon vorher abwesend. Die Kuchentafel-Kompatibilität eines Kanons – seine Fähigkeit, konsensfähig und wiederholbar zu bleiben – ist genau die Eigenschaft, die ihn maschinenfähig macht. Reibung dagegen, die produktive Unverträglichkeit eines Gedankens mit dem Erwartbaren, ist das, was sich der Reproduktion entzieht.

Das hat eine unbequeme Kehrseite. Es genügt nicht, KI aus dem eigenen Schreiben herauszuhalten, um Substanz zu verbürgen. Ein von Hand geschriebener Schablonentext ist nicht weniger schabloniert, nur weil eine menschliche Hand ihn führte. Die Frage ist nicht das Werkzeug, sondern ob im Text eine Entscheidung fällt, die auch anders hätte ausfallen können – ein Widerstand, ein Risiko, eine Festlegung, die etwas kostet.

Anthony de Jasay hat die Figur des privaten Gelehrten nicht als Verzicht verstanden, sondern als Bedingung. Wer keiner Runde Rechenschaft schuldet, muss seine Gedanken nicht konsensfähig halten – und kann sie deshalb dorthin treiben, wo sie unbequem werden. Der schablonierte Text ist das genaue Gegenteil: Er ist von vornherein für die Tafel geschrieben, für die Zustimmung der Anwesenden, für die Wiederholbarkeit im Kreis der Gleichgesinnten. Genau das macht ihn maschinenfähig. Denn eine Maschine kann alles reproduzieren, was auf Zustimmung hin gebaut ist. Was sie nicht kann, ist das Riskante, das sich der Zustimmung entzieht – den Gedanken, der auch dann fällt, wenn niemand am Tisch ihn teilt.

Denn Denken zeigt sich dort, wo es hätte scheitern können. Ein Werk, das sich schließt, tut dies nicht, weil es fehlerfrei wäre, sondern weil in ihm Entscheidungen gefallen sind, die es hätten verfehlen können – und die es dennoch trägt. Das Schablonierte kennt dieses Risiko nicht: Es kann nicht scheitern, weil es nichts entschieden hat. Und was nicht scheitern kann, kann sich auch nicht schließen. Es endet bloß.

Warum Deutschlands Lage kein Politikversagen ist

Vier Schleifen, keine Bremse

Norbert Tofall hat in seinem jüngsten Kommentar für das Flossbach von Storch Research Institute ein Argument formuliert, das in der deutschen Haushaltsdebatte zu selten vorkommt: Deutschlands relative Solidität ist nicht nur ein nationaler Vorzug, sondern die Geschäftsgrundlage der europäischen Währungsordnung. Sie ist das Collateral, das die Erwartung trägt, im Ernstfall werde jemand haften. Wer die Schuldenbremse schleift, schwächt nicht primär den eigenen Haushalt, sondern zieht die Sicherheit ab, auf der die Preisbildung für europäische Staatsanleihen ruht. Norbert Tofall belegt das sauber, historisch grundiert, mit Ferguson’s Law als Schwellenmarke: Wo der Schuldendienst die Verteidigungsausgaben übersteigt, endet Großmachtfähigkeit.

Der Befund trägt. Ich möchte ihn um eine Frage ergänzen, die er nahelegt, aber nicht selbst stellt.

Norbert Tofall fragt implizit: Warum priorisiert die Politik nicht? Warum wird der Sozialetat nicht angetastet? Das sind Fragen an Akteure, und sie sind berechtigt. Die zweite Frage lautet: Warum erscheint die Schuldenpolitik alternativlos, und zwar unabhängig davon, wer regiert?

Die entscheidende Diagnoseebene

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In der Sackgasse hilft nur Umkehr

Zur ordnungspolitischen Bewertung des 34-Punkte-Reformpakets

Man muss der Koalition eines lassen: Sie hat geliefert – jedenfalls Papier. 34 Punkte, verteilt auf Rente, Steuern, Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Bürokratieabbau, präsentiert als „Regierung der Erneuerung“. Der erste analytische Befund steckt aber schon im Zeitgerüst: Ab 2027 sollen die ersten Maßnahmen greifen, 2028 ihre Wirkung entfalten. Zwischen Geste und Wirkung liegt eine Legislaturhälfte. Wer die Lücke zwischen Ankündigung und Vollzug als bloßes Umsetzungsdetail liest, verfehlt bereits das Eigentliche: Sie ist der Befund.

Quelle: Hans, Pixabay

Bürokratieabbau: die richtige Richtung — und was sie verrät

Vorausgefüllte digitale Steuererklärung, eine verpflichtende Steuernummer binnen vier Wochen, automatische Kindergeldzahlung ohne Antrag: Das geht in die richtige Richtung, keine Frage. Nur konturiert jeder einzelne dieser Punkte negativ, wie tief das Feld zuvor verkonfiguriert war. Dass die automatische Kindergeldzahlung 2027 in zwei Phasen ausgerollt werden muss, erst Zweitkinder, dann Erstkinder, ist keine Reform, es ist die Vermessung eines Schadens. Das Flickwerk beschreibt präzise die Ausmaße dessen, was ich Organisationswirtschaft nenne: einen Zustand, in dem formales Privateigentum erhalten bleibt, die Handlungsräume aber politisch so konfiguriert sind, dass Eigeninteresse und Regimeinteresse strukturell konvergieren. Bürokratieabbau in diesem Modus heißt: Man räumt einzelne Verwerfungen weg, ohne den Mechanismus zu berühren, der sie erzeugt.

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Keine Soziale Marktwirtschaft mehr

Die subventionierte Automobilwirtschaft als empirische Fallstudie der Organisationswirtschaft

Der Idealtyp der Organisationswirtschaft – politisch organisierte Koordination bei formal erhaltener privater Eigentumsordnung, weder Marktwirtschaft noch Sozialismus – verlangt empirische Erdung, soll er nicht analytische Behauptung bleiben. Diese Fallstudie prüft an einem konkreten Material, ob hier tatsächlich weder Markt noch Plan, sondern administrative Lenkung bei erhaltener Privatrechtsform koordiniert. Das Material ist die deutsche Automobilförderung der Jahre 2016 bis 2026 – ein Sektor, der den Typus in seltener Reinheit zeigt, weil sich an ihm die drei konstitutiven Mechanismen zugleich beobachten lassen: administrative Einbettung, selektive Lenkung, Konformitätsdruck.

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Wie wir die Welt erzählt bekommen – und warum die Liberalen die Literatur dem Gegner überlassen

Paul Cantor, langjähriger Anglist in Virginia und – das ist die biographische Pointe – einst Schüler von Ludwig von Mises, hat einen lesenswerten Essay hinterlassen: eine Lektüre von Thomas Manns Erzählung Unordnung und frühes Leid (1925) im Licht der österreichischen Inflationstheorie. Manns Geschichte spielt in der Weimarer Hyperinflation, und Cantor zeigt textnah, wie sich die Misessche Analyse in der Alltagswirklichkeit niederschlägt: die Flucht in Sachwerte, die rationierten Eier, der Verfall der Substanz zugunsten des Ersatzes, die Verkürzung der Zeitpräferenz, der Autoritätsverlust der Alten gegenüber den anpassungsfähigeren Jungen. Inflation zerfrisst, so Cantors These, mehr als die Geldbörse – sie zersetzt den Wirklichkeitssinn selbst. Geldentwertung als Realitätsentwertung: „Hyperinflation und Hyperrealität“.

Das ist originell und in den besten Passagen brillant. Es ist zugleich, das sei offen gesagt, weitschweifig und ein wenig undiszipliniert. Der eigentliche Ertrag wäre nach zwei Dritteln erreicht; der Bogen von Manns Erzählung über Magritte bis zu Foucault und Derrida ist geistreich, aber überdehnt, und der kämpferische Rahmen – Marxismus als Pensionärsheim abgewirtschafteter Theoretiker – altert nicht gut. Wer den Text liest, sollte ihn als Sprungbrett nehmen, nicht als letztes Wort.

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Der Markt im Kostüm

Wenn Beschleunigung Lenkung heißt

Institutioneller Verfall kündigt sich selten an. Er kommt nicht als Programm zur Abschaffung des Marktes, sondern als Programm zu seiner Rettung – schneller, klüger, strategischer. Die äußere Form des Marktes bleibt stehen, während seine innere Koordinationsfunktion nach oben wandert: von Preisen und unternehmerischem Urteil hin zu Zielvorgaben, Designationen und bedingten Genehmigungen. Genau das ist die Organisationswirtschaft – kein Plan im alten Sinne, aber auch keine freie Ordnung, sondern ein Drittes, das das Kostüm des Ersten trägt und nach der Logik des Zweiten arbeitet.

Eucken kannte zwei reine Typen, die Verkehrswirtschaft und die Zentralverwaltungswirtschaft. Die Organisationswirtschaft ist der Mischfall, den die Praxis ständig hervorbringt und die Theorie ungern benennt: privates Eigentum dem Namen nach, politische Lenkung der Sache nach. Sie ist weniger Doktrin als Symptom. Niemand beschließt sie. Sie akkumuliert – Krise um Krise, Ausnahme um Ausnahme, Beschleunigungsspur um Beschleunigungsspur –, weil der Verwaltungsapparat zum einzigen Instrument greift, das er beherrscht: zur Steuerung von oben. Jeder Schritt ist für sich vertretbar; die Summe ist die stetige Auszehrung jenes regelgebundenen Rahmens, auf den eine offene Gesellschaft angewiesen ist. Verfall ist eben nicht Kollaps, sondern die langsame Ersetzung von Ordnung durch Organisation.

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Neu: Geld in Freiheit

Eine liberale Geldordnung für das 21. Jahrhundert

Geld wird gewöhnlich als technisches Instrument der Wirtschaftspolitik betrachtet – als Stellgröße, über die Zentralbanken Konjunktur, Beschäftigung und Preisniveau steuern sollen. Diese Vorstellung ist verbreitet, aber irreführend. Geld ist keine Variable bewusster Steuerung, sondern selbst eine Ordnungsfrage. Es koordiniert das Handeln Millionen einander unbekannter Menschen und ist damit Voraussetzung jeder funktionierenden Marktwirtschaft. Gerade darin unterscheidet sich eine freiheitliche Geldordnung grundlegend von den heutigen, politisch beherrschten Währungssystemen. Wo Diskretion, Intervention und Krisenbewirtschaftung vorherrschen, setzt eine liberale Geldordnung auf allgemeine Regeln, Haftung und Wettbewerb. Dieser Essay entfaltet die Geldfrage nicht als geldpolitisches Programm, sondern als Ordnungsproblem. Er zeigt die strukturellen Defekte des Zentralbanksystems, die Logik wettbewerblicher Geldordnungen und die technologischen Voraussetzungen ihrer Wiederkehr – und erklärt, warum freies Geld weder populär noch wahrscheinlich, aber denkbar bleibt.

Paperback

108 Seiten

ISBN-13: 9783696384524

Verlag: BoD – Books on Demand

Erscheinungsdatum: 04.06.2026

Bei BoD: Geld in Freiheit

Bei Amazon: Geld in Freiheit

Souveränität lässt sich nicht verordnen

Die organisationswirtschaftliche Antwort auf ein organisationswirtschaftliches Problem

Europa hat ein Souveränitätsproblem in der digitalen Infrastruktur, und Europa hat eine Antwort darauf. Das Problem ist real, die Antwort verrät mehr über die Ordnung, die sie hervorbringt, als über das Problem, das sie lösen soll.

Quelle: 99pixel

Zunächst die Diagnose, der niemand widersprechen wird. Der jüngste Brussels Economic Monitor der WKO bilanziert nüchtern, was längst zu ahnen oder bekannt war: Die Vereinigten Staaten verfügen über die viereinhalbfache Rechenzentrumskapazität der Europäischen Union. Von den sieben größten Technologieunternehmen der Welt sitzt genau eines in Europa. Der Kontinent ist, in den Worten des Monitors, ein Nachzügler im Rennen um strategische Technologien. Die kritische Schicht der digitalen Wertschöpfung – Rechenleistung, Spitzenmodelle, die Infrastruktur, auf der alles Weitere aufsetzt – liegt außerhalb des eigenen Hoheitsbereichs. Wer sie kontrolliert, kontrolliert die Bedingungen, unter denen europäische Akteure überhaupt handeln können.

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Schulden als Ketten – Frank Schäfflers Aufklärungsbuch für die nachwachsende Generation

Frank Schäffler: Generation Debts. Die Generation, die alles bezahlen muss. LMV Verlag – Edition Prometheus 2026, 248 Seiten.

Ich habe dieses Buch nicht als neutraler Gutachter gelesen, sondern als jemand, der den Autor schätzt und gespannt war, was es mir selbst noch zu sagen hat. Vorweg: Es hat mir mehr gesagt, als ich erwartet hatte – und es würde, davon bin ich überzeugt, vor allem jenen viel sagen, die es am dringendsten lesen sollten.

Frank Schäfflers Buch gehört in die ehrwürdige Reihe der publizistischen wirtschafts- und finanzpolitischen Aufklärung. Es ist nie oberflächlich, im Gegenteil: Es verbindet finanzpolitischen Sachverstand mit der Erfahrung des langjährigen Bundestagsabgeordneten, dessen persönliche Erlebnisse immer wieder als anschauliche Belege eingeflochten werden. Daniel Stelters knappes Vorwort – „Schulden, die Ketten der Unfreiheit“ – setzt den Ton. Doch das Buch löst diesen Ton nicht in Alarmismus auf, sondern in geduldige Erklärung.

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