Autor-Archiv:Michael von Prollius

Ich schreibe über Ordnung, Freiheit und Verantwortung – mit Blick auf Geschichte, Gegenwart und Perspektiven einer freien Gesellschaft. Als Ökonom, Historiker und Publizist gilt mein Interesse den Voraussetzungen politischer und wirtschaftlicher Strukturen, die individuelle Würde achten und Entwicklung ermöglichen.

Der Aufklärer im Ordnungsgelände

Wie das militärische Lesen des Terrains zu einem Grundmuster meines ordnungsökonomischen Blicks wurde – ein Deutungsversuch

Wenn ich in den Wald gehe, gehe ich nicht nur spazieren. Das ist mir lange nicht aufgefallen, weil es sich nicht wie eine Anstrengung anfühlt, eher wie ein Grundton, der seit vielen Jahren läuft. Ein Waldrand ist für mich kein Bild, sondern ein Übergang – die Zone, in der Sicht und Wirkung auseinanderfallen, in der man gesehen wird, bevor man selbst sieht. „Waldränder sind mit Scheiße beschmiert“, hat einer meiner Ausbilder drastisch gesagt, und der Satz ist geblieben, wie solche Sätze bleiben: körperlich, unvergesslich, wahr. Ich habe ihn mit neunzehn gelernt und trage ihn mit mir, ob ich will oder nicht.

Was ich dort tue, ohne es zu wollen, ist Lesen. Ich lese, immer wieder zu meiner Verwunderung, das Gelände: in Linien, wo Bewegung liefe, wo Feuer läge, in Stellen, an denen man vorsichtig sein sollte, und in solchen, über die man einfach Gas gibt und hinüberkommt. Der Wald teilt sich mir auf: hier böte sich Verteidigung an, dort eine Umgehung, da ein Angriff. Und mit jeder dieser Zuweisungen kommt, fast unmerklich, eine zweite Frage mit, die eigentlich die erste ist: wo erwarte ich das vom anderen? Ich vermute inzwischen, dass genau hier der Kern liegt. Ich lese nie bloß den Raum. Ich lese immer schon jemanden im Raum, der ebenfalls liest.

Weiterlesen →

Die Ordnungsökonomie des Waldes (Wirtschaftliche Freiheit, 30. August 2026)

Ordnungsökonomischer Zugang zu einem meist ökologisch verhandelten Gegenstand. Der Beitrag zeigt die Dominanz der Fichte als Ergebnis von wirtschaftlichem Interesse, forstwissenschaftlichem Leitbild und staatlicher Lenkung – und ihre Persistenz als institutionellen Lock-in, der fortbestand, nachdem die ursprünglichen Gründe entfallen waren. Am Fall des Privatwaldes wird die Grundfigur der Organisationswirtschaft greifbar: formell privates Eigentum bei politisch konfiguriertem Handlungsraum. Zwischen Ökologismus und Konstruktivismus steht der Gärtner als Leitbild einer Ordnungspolitik, die verteiltes Wissen und Zeit aufnimmt, statt sie zu überschreiben. Angeregt von Norbert Berthold.

https://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=44912

Ordnung oder Steuerung? Eine Handreichung

Eine Leserin schreibt zu meinem Beitrag über die Ordnung des Waldes: Wo liege eigentlich der genaue Unterschied zwischen Ordnung und Steuerung in der Wirtschaftspolitik — und welche Gesetze seien definitiv ordnend, welche steuernd? Die Frage ist klüger, als ihre bescheidene Einleitung vermuten lässt. Sie zeigt, dass das Denken in Ordnungen selbst gebildeten Lesern abhandengekommen ist. Und sie ist ein idealer Anlass, wesentliches Vokabular wieder zu erläutern, was man gerade heute immer wieder tun darf.

Ordnung ist das Regelgefüge, innerhalb dessen wir unsere Handlungen aufeinander abstimmen. Sie bezieht sich auf Regeln, nicht auf Ergebnisse. Eine geordnete Wirtschaft ist nicht eine, in der bestimmte Resultate herauskommen, sondern eine, in der verlässliche Formen gelten, innerhalb deren sich Millionen unabhängiger Pläne koordinieren. Die staatlich verantwortete Teilmenge dieser Ordnung ist die Rahmenordnung: Eigentum, Vertrag, Haftung, Wettbewerbsrecht, eine stabile Geldverfassung. Der Rahmen ist gestaltet, das Bild, das in ihm entsteht, nicht.

Entscheidend ist, woher diese Ordnung stammt: Sie beginnt nicht mit dem Staat. Koordiniertes Handeln ruht zunächst auf Konventionen — gewachsenen Regelmäßigkeiten wie Geld, Vertragstreue, Vertrauen, die niemand entworfen hat und die tragen, weil Abweichung sich nicht lohnt. Verfestigen sie sich, werden sie zu Institutionen, den stabilen Spielregeln des Zusammenlebens. Der Staat setzt seinen Rahmen also nie ins Leere: Er sichert überwiegend Gewachsenes, er erschafft es selten. Wer meint, ohne staatliche Steuerung zerfalle die Wirtschaft ins Chaos, verkennt, dass ihr Zusammenhalt älter ist als jedes Gesetz.

Weiterlesen →

Der Gärtner und der Planer

Es braucht die Entfernung, um die Proportionen wiederzusehen. Nach langen Reisewochen durch Wälder und an Küsten wirken die Nachrichten fast absurd, die Themen der sozialen Medien befremdlich – nicht weil sich ihr Inhalt geändert hätte, sondern weil die Fähigkeit zurückgekehrt ist, ihre Dringlichkeitssignale zu bemessen. Der Wald relativiert nicht die Inhalte. Er relativiert die Erregung, mit der sie ausgestattet sind. Denn der Wald sendet nicht. Keine Instanz will dort meine Aufmerksamkeit; die Ordnung ist da, ohne adressiert zu werden. Die Stadt, jedenfalls die mediale Schicht über ihr, kennt diese Senderlosigkeit nicht. Sie zieht Aufmerksamkeit nicht an, sie richtet sich an mich.

Das ist die erste und tragende Unterscheidung, und sie verläuft nicht zwischen Natur und Stadt, sondern zwischen senderloser und senderförmiger Ordnung.

Vor einigen Jahren habe ich Städte vor allem als Arbeitsmarktnetzwerke verstanden, mit Hayek gegen die Anmaßung der Planer und mit Alain Bertaud gegen die Illusion, komplexe Koordination lasse sich zentral entwerfen (Link FFG). Das gilt weiter. Aber die Reise hat eine zweite Ebene freigelegt, die der ökonomische Blick nicht erfasst: die sinnliche. Sie ist es, die das Empfinden trägt, und sie verdient dieselbe Ernsthaftigkeit wie das Argument.

Weiterlesen →

Konfrontation, Anbiederung, Staatsnähe

Drei liberale Wege und ihr Preis

Vorbemerkung in eigener Sache

Ich schreibe dies als Partei, nicht als neutraler Beobachter, und es ist redlicher, das voranzustellen, als es zu verbergen. Mein Ziel ist eine ordnungspolitische Perspektive und daraus folgend Reform: die geduldige Arbeit an den Regeln, die den Rahmen einer freien Gesellschaft bilden. Das ist nicht das Ziel vieler, die sich zu den Freiheitsfreunden zählen. Manchen gilt Ordnungspolitik als zu etatistisch, als „bäh“, als heimlicher Staatsglaube im liberalen Gewand. Diesen Einwand nehme ich ernst, und ich will die Positionen, die ich im Folgenden kritisiere, möglichst fair an ihren eigenen Zwecken messen, nicht an meinen. Aber ich bleibe bei der Kritik. Und ich werbe für das Ordnungsdenken, weil ich die Alternativen für noch zweckärmer halte – für Wege, die entweder ins Folgenlose führen oder in die Selbstaufgabe.

ChatGPT Image

Was folgt, ist deshalb keine Abrechnung. Es ist ein Spiegel. Ich möchte dreien unter uns Freiheitsfreunden, mich selbst nicht ausgenommen, zeigen, wohin ihr Weg führt und dass er, gemessen an dem, was wir alle behaupten zu wollen, nicht dorthin führt. Denn gemeinsam haben wir, quer durch alle Lager: Wir wollen Verbesserungen, die mehr Freiheit bedeuten, mehr Selbstbestimmung, bessere Wohlfahrtsperspektiven. An diesem gemeinsamen Ziel messe ich die Wege. Verändern wird das niemandes Verhalten, da mache ich mir keine Illusionen. Aber der Spiegel bleibt stehen, auch wenn keiner hineinsehen will.

Weiterlesen →

Was der Wald weiß

Vom Waldbrand zur Wohnungsnot: eine Ordnungsbeobachtung

Es ist Anfang August, kurz nach sieben, und es ist kalt. Deutlich unter zehn Grad, würde ich schätzen, in der Nacht hat es leicht geregnet, und über dem Wald mit dem breiten Gebirgsbach steht noch die graue, harzige Luft, die man in diesen Höhen morgens einatmet wie etwas Festes. Ein Fire Ban gilt, offene Feuer sind untersagt. Gestern Abend, bei kaum mehr als Nieselregen, war plötzlich Donner zu hören — ein Gewitter, das sich an den Hängen aufgetürmt hatte, während unten im Tal nur ein feuchter Hauch fiel. Wer aus dem mitteleuropäischen Wald kommt, den ich von klein auf kenne, steht hier zunächst als jemand, der versucht zu bestimmen: einige Birken, deren Blätter breiter, fast herzförmig sind, anders als bei der heimischen Hänge-Birke; Kiefern eines nordamerikanischen Typs; echte Tannen mit ihren aufrecht stehenden Zapfen, schlank wie Kirchtürme; dazwischen die Engelmann-Fichte. Und überall, an Wegrändern und lichten Waldstücken, eine Pflanze mit hoher rosa Blütentraube: Fireweed, das Schmalblättrige Weidenröschen, bei uns der Auftakt nach Kahlschlägen, hier der erste Bewohner der Brandflächen.

Der Name ist kein Zufall, und er ist der erste Hinweis darauf, dass dieser Wald etwas weiß, was der europäische verlernt hat. Er ist auf etwas eingerichtet, das wiederkehrt. Es gibt hier einen Rhythmus, und das Feuer gehört zu ihm.

Weiterlesen →

Der liberale Generalstab, wiedergelesen

Vorspann 2026 zu einem Text von 2016

Der folgende Text war eine Dinner Speech, gehalten am Vorabend der XII. Gottfried-von-Haberler-Konferenz in Liechtenstein im Mai 2016 – in der etwas kompakteren Fassung, die dem Anlass streng genommen allerdings noch zu lang war, mit dem inhaltlich verantwortlichen Veranstalter aber abgestimmt. Geschrieben unter dem Eindruck einer damals empfundenen Zersplitterung liberaler Kräfte, die sich seither eher vertieft als gemildert hat. Ich stelle ihn hier wieder ein, weil sein Kern über die Jahre nicht verblasst, sondern schärfer geworden ist und weil er, im Licht meiner jüngeren Arbeit gelesen, mehr enthält, als ich 2016 selbst ausgeführt habe.

Die Grundfigur ist die des preußischen Generalstabs als Ordnungsidee: eine Institution, die, mit Trevor Dupuys Formel, nicht vom zufälligen Erscheinen großer Führerpersönlichkeiten abhing, weil sie große Führer selbst hervorbrachte. Das ist, in militärhistorischem Gewand, exakt der Gedanke, den ich vor kurzem in einer Korrespondenz zum Atomausstieg auf eine knappe Form gebracht habe: Eine gute Ordnung erspart Helden. Sie macht das Gelingen unabhängig vom Glücksfall der begnadeten Einzelperson, indem sie die Bedingungen institutionalisiert, unter denen Tüchtigkeit entsteht und sich vermehrt – Ausbildung, Auslese, gemeinsame Methode, das fortgeschriebene Handbuch, die Manöverkritik.

Weiterlesen →

Warum Deutschlands Lage kein Politikversagen ist — Teil II: Wer gewinnt?

Der erste Teil dieser Überlegung hat eine unbequeme These vertreten: Deutschlands wirtschaftliche Abwärtsbewegung ist kein Versagen. Sie ist das erwartbare Ergebnis einer Ordnung, die genau das produziert, was sie produziert. Der Vorwurf des Versagens setzt voraus, dass jemand etwas anderes wollte und daran scheiterte. Der Befund war der umgekehrte: Es funktioniert, nur eben nicht in Richtung Wohlstand.

Diese These hat eine Schwäche, und ich habe sie im ersten Teil nicht ausgeräumt. Wer sagt „kein Versagen, sondern Systemlogik“, der spricht implizit alle Beteiligten frei. Aus „niemand ist schuld” wird „es lag an der Struktur“, und die Struktur ist bekanntlich niemand. Das ist bequem, und es ist unvollständig. Denn eine Ordnung besteht aus Regeln und aus Menschen, die unter diesen Regeln handeln, sie schreiben, sie nutzen. Wer nur den Mechanismus zeigt, macht aus einer Analyse eine Entlastung.

Dieser zweite Teil fragt deshalb nach der anderen Seite. Nicht: Wer hat versagt? Sondern: Wie kann eine Ordnung so gebaut sein, dass niemand entscheiden muss und das Ergebnis dennoch feststeht? Der Fall, an dem sich das zeigen lässt, ist die deutsche Kernenergiepolitik — und er führt an einen Ort, den ich selbst nicht erwartet hatte.

Weiterlesen →

KI: Automatisierbarkeit als Diagnose

Es gibt eine bequeme Klage über KI-gestütztes Schreiben: Es sei seelenlos, glatt, ohne Handschrift. Die Klage verfehlt das Interessante. Denn die Maschine erzeugt die Abgestandenheit nicht – sie legt sie offen.

Man nehme einen ordnungspolitischen Text, der nach bekanntem Muster verfährt: ideengeschichtliches Original einsetzen, aktuelle Lage anlegen, staatstragende Formel abbinden, mit vermittelnder Synthese beruhigen. Ein solcher Text lässt sich mühelos automatisiert erzeugen. Aber der Grund dafür liegt nicht in der Leistungsfähigkeit der Maschine. Er liegt in der Struktur des Denkens. Was sich nahtlos automatisieren lässt, war bereits vor der Automatisierung algorithmisch: eine Anwendungsvorschrift, kein Gedanke.

Damit wird Automatisierbarkeit zum Diagnosewerkzeug. Nicht die Frage „Hat hier eine KI mitgeschrieben?“ ist aufschlussreich, sondern: „Hätte sie es gekonnt, ohne dass etwas verloren geht?“ Wo die Antwort Ja lautet, war der Eigensinn schon vorher abwesend. Die Kuchentafel-Kompatibilität eines Kanons – seine Fähigkeit, konsensfähig und wiederholbar zu bleiben – ist genau die Eigenschaft, die ihn maschinenfähig macht. Reibung dagegen, die produktive Unverträglichkeit eines Gedankens mit dem Erwartbaren, ist das, was sich der Reproduktion entzieht.

Das hat eine unbequeme Kehrseite. Es genügt nicht, KI aus dem eigenen Schreiben herauszuhalten, um Substanz zu verbürgen. Ein von Hand geschriebener Schablonentext ist nicht weniger schabloniert, nur weil eine menschliche Hand ihn führte. Die Frage ist nicht das Werkzeug, sondern ob im Text eine Entscheidung fällt, die auch anders hätte ausfallen können – ein Widerstand, ein Risiko, eine Festlegung, die etwas kostet.

Anthony de Jasay hat die Figur des privaten Gelehrten nicht als Verzicht verstanden, sondern als Bedingung. Wer keiner Runde Rechenschaft schuldet, muss seine Gedanken nicht konsensfähig halten – und kann sie deshalb dorthin treiben, wo sie unbequem werden. Der schablonierte Text ist das genaue Gegenteil: Er ist von vornherein für die Tafel geschrieben, für die Zustimmung der Anwesenden, für die Wiederholbarkeit im Kreis der Gleichgesinnten. Genau das macht ihn maschinenfähig. Denn eine Maschine kann alles reproduzieren, was auf Zustimmung hin gebaut ist. Was sie nicht kann, ist das Riskante, das sich der Zustimmung entzieht – den Gedanken, der auch dann fällt, wenn niemand am Tisch ihn teilt.

Denn Denken zeigt sich dort, wo es hätte scheitern können. Ein Werk, das sich schließt, tut dies nicht, weil es fehlerfrei wäre, sondern weil in ihm Entscheidungen gefallen sind, die es hätten verfehlen können – und die es dennoch trägt. Das Schablonierte kennt dieses Risiko nicht: Es kann nicht scheitern, weil es nichts entschieden hat. Und was nicht scheitern kann, kann sich auch nicht schließen. Es endet bloß.