Autor-Archiv:Michael von Prollius

Ich schreibe über Ordnung, Freiheit und Verantwortung – mit Blick auf Geschichte, Gegenwart und Perspektiven einer freien Gesellschaft. Als Ökonom, Historiker und Publizist gilt mein Interesse den Voraussetzungen politischer und wirtschaftlicher Strukturen, die individuelle Würde achten und Entwicklung ermöglichen.

Enttäuscht, aber nicht ernüchtert. Warum Parteienwechsel noch keine Erneuerung ist

Selten war politische Aufmerksamkeit so allgegenwärtig wie heute. Politik wird kommentiert, kritisiert, mobilisiert, taktisch durchgerechnet; nahezu jeder hat eine Meinung, viele eine dezidierte. Dem steht eine nüchterne Tatsache gegenüber: Der Einfluss der einzelnen Stimme auf den Wahlausgang ist verschwindend gering. Ein zweiter Befund verschärft das Bild. Die Wahlbeteiligung ist in Deutschland zuletzt bei den Landtagswahlen gestiegen, zugleich trauen Umfragen zufolge immer weniger Bürger „der Politik“ zu, die Lage zu verbessern. Aktivierung und Ernüchterung treten gemeinsam auf.

Beides wirkt widersprüchlich, ist es aber nicht. Die Auflösung führt zu einer Frage, die über die Tagesdiagnose hinausreicht: Warum führt verbreitete Enttäuschung zu politischem Wechsel, aber so selten zu institutioneller Erneuerung? Den Anlass bietet ein Gespräch zwischen Russ Roberts (geb. 1954) und Michael Munger (geb. 1958) über Public Choice als „Politik ohne Romantik“. Das dort entfaltete Instrumentarium erklärt mehr als die Funktionsweise von Wahlen. Es erklärt m.E., warum die Romantik bleibt, wenn ihre Träger gehen.

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Die Selbstbeobachtung der Ordnung

Warum eine Jubiläumsvorlesung mehr über den Verfall verrät als über die Marktwirtschaft

Im Wintersemester 2026/27 widmet die Universität zu Köln der Sozialen Marktwirtschaft eine Ringvorlesung. Der Titel fragt nach ihrer Zukunft, das Programm reicht von Eucken, Erhard und Müller-Armack bis zu den Bewährungsproben der Gegenwart – Notenbankunabhängigkeit, Rentendemografie, Künstliche Intelligenz, Bürokratie. Am Ende steht, so die Ankündigung, eine „kritische Bilanz“. Die Referentenliste liest sich wie eine Familienaufstellung des wirtschaftspolitischen Mainstreams: sorgfältig ausbalanciert vom ordoliberal Affirmativen über die wirtschaftsnahe Mitte bis zur verteilungspolitischen Linken. Alles ist da. Und doch fehlt etwas so vollständig, dass es niemandem auffällt.

Es fehlt die Frage, ob die Ordnung, deren Zukunft verhandelt wird, überhaupt noch die ist, für die sie gehalten wird – und ob der Betrieb, der sie verhandelt, die Kategorien besitzt, um das zu bemerken.

Das ist keine Kritik an den Beteiligten. Es sind kompetente Ökonomen, die kompetente Vorträge halten werden. Die Beobachtung zielt nicht auf Personen, sondern auf ein Format und darauf, was das Format über den Zustand seiner eigenen Voraussetzungen preisgibt.

Quelle: ChatGPT

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Blut ohne Boden. Über eine respektlose Antike

Michael Sommer und Stefan von der Lahr haben ein Buch geschrieben, das man leicht unterschätzt und ebenso leicht überfordert. Die verdammt blutige Geschichte der Antike will die 1200 Jahre von Troja bis zum Fall Roms als das erzählen, was sie neben allem anderen auch waren: eine Abfolge von Gewalt, en gros und en detail. Das Programm steht im Untertitel — „ohne den ganzen langweiligen Kram“ —, und man sollte es beim Wort nehmen. Wer ein analytisches Buch erwartet, liest das falsche. Wer ein unterhaltsames sucht, das eine zählebige Illusion zertrümmert, ist richtig.

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Wer die Mitte verwaltet, verliert sie. Eine ordnungspolitische Vermessung des Parteienraums

Wer die gegenwärtige Parteienlage in Deutschland beschreibt, stößt rasch auf eine Formel, die viele Wähler intuitiv teilen: Wer politische Veränderung wolle, habe nur noch die Wahl zwischen links und rechts. Die Mitte, so das Empfinden, biete Verwaltung des Bestehenden, aber keine Alternative mehr. Dieses Empfinden ist kein Stimmungsartefakt. Es verweist auf eine strukturelle Verschiebung im Parteienwettbewerb, deren Ursachen tiefer liegen als in Personen oder Tagesereignissen – und die sich mit den Mitteln der ökonomischen Ordnungstheorie präziser fassen lässt als mit dem üblichen Vokabular von Protest und Populismus.

Von der Randlücke zum leeren Quadranten

Der Ausgangspunkt ist ein klassisches Ergebnis der ökonomischen Theorie der Demokratie. Anthony Downs (1931-2021), Politikwissenschaftler und Ökonom, zeigte, dass Parteien im Wettbewerb um den Medianwähler dazu tendieren, ihre Programme einander anzunähern. Wo zwei große Parteien um die entscheidende Mitte konkurrieren, konvergieren sie; jede Abweichung nach außen verschenkt Stimmen an den Wettbewerber. Das Downs’sche Modell erklärt damit eine dauerhafte Beobachtung: die programmatische Ununterscheidbarkeit etablierter Volksparteien, ihre Neigung, verbleibende Differenzen symbolisch aufzublähen, während sie in der Substanz zusammenrücken. Der Politikwissenschaftler Peter Mair (1951-2011) hat das Resultat dieser Konvergenz als Aushöhlung der Repräsentation beschrieben: Regieren wird „verantwortlich“ im Sinne der Sachzwänge, aber nicht mehr „responsiv“ gegenüber den Wählern.

Das reine Medianwähler-Modell ist jedoch eindimensional und prognostiziert Konvergenz. Beobachtbar ist aber Polarisierung. Der Widerspruch löst sich, sobald man zwei Ergänzungen einführt.

Erstens ist der politische Raum nicht eindimensional. Neben die ökonomische Verteilungsachse ist eine zweite, soziokulturelle Konfliktlinie getreten, in der Parteienforschung als GAL-TAN-Achse vermessen: grün-alternativ-libertär gegen traditional-autoritär-national. „Ökonomisch“ statt „links/rechts“ ist dabei kein Jargon, sondern eine notwendige Entwirrung. Beide Achsen sind politisch; die Worte „links“ und „rechts“ hingegen saßen ursprünglich allein auf der ökonomischen: links für Staat und Umverteilung, rechts für Markt und Eigentum. Dass sie dort heute erklärungsbedürftig wirken, verweist schon auf die Wanderung ihrer Bedeutung, die dieser Text nachzeichnet.

Zweitens erzwingt die Konvergenz in der Mitte, dass an den Rändern nicht bediente Nachfrage entsteht. Und diese Ränder sind, sobald der Raum zweidimensional wird, nicht mehr ein einzelner Rand, sondern mehrere unbesetzte Felder. Aus der Downs’schen Randlücke werden leere Quadranten. Das ist die entscheidende Erweiterung: Nicht die Konvergenz allein treibt den Aufstieg der Herausforderer, sondern die Kombination aus Konvergenz und Mehrdimensionalität, die bestimmte Positionen im Raum konkurrenzlos verfügbar macht.

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Warum ein Ordnungsmonitor für Deutschland?

Deutschland steckt in der Krise. Deutschland befindet sich im Niedergang. Deutschland steht vor der Wende. Deutschland reformiert sich.

An Diagnosen herrscht kein Mangel.

Das Problem beginnt einen Schritt früher: Was davon können wir eigentlich beobachten?

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich intensiver mit der Frage, wie sich Veränderungen einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung erkennen lassen, bevor aus ihnen entweder eine politische Erfolgsgeschichte oder eine Niedergangserzählung geworden ist. Einzelne Wirtschaftsdaten helfen dabei nur begrenzt. Wachstum kann beispielsweise durch schuldenfinanzierte Staatsausgaben steigen, während die private Kapitalbildung zurückgeht. Höhere öffentliche Investitionen können neben einer weiterhin maroden Infrastruktur stehen. Sinkendes Vertrauen in eine Regierung ist etwas anderes als ein Vertrauensverlust in die rechtsstaatliche Ordnung.

Aus diesen Überlegungen ist der Ordnungsmonitor Deutschland entstanden.

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Ordnungsmonitor Deutschland

Ein experimentelles Messinstrument zur ordnungspolitischen Lage Deutschlands

Wie steht es um die Ordnung in Deutschland?

Darüber wird viel gesprochen – meist anhand einzelner Krisensymptome, politischer Entscheidungen oder aktueller Wirtschaftsdaten. Der Ordnungsmonitor Deutschland versucht einen anderen Zugang. Er beginnt nicht mit einer Diagnose, sondern mit der Frage, welche institutionellen und wirtschaftlichen Veränderungen sich überhaupt belastbar beobachten lassen.

Dazu werden 16 Indikatoren in vier Bereichen untersucht: Qualität der Rahmenordnung, staatliche Funktions- und Tragfähigkeit, produktive Wirtschaftsordnung sowie institutionelle Reaktion und Anpassung.

Der Ordnungsmonitor ist ein experimentelles Messinstrument. Er soll keinen Gesamtzustand Deutschlands auf eine Kennzahl reduzieren und keine Schlagzeilen produzieren. Er soll Entwicklungen sichtbar machen, Gegenbefunde ernst nehmen und im Zeitablauf unterscheiden helfen zwischen kurzfristiger Bewegung und struktureller Veränderung.

Nullmessung 2025/26

Die erste Ausgabe bildet den Ausgangspunkt. Sie legt Indikatoren, Messverfahren und Bewertungsregeln fest, an denen spätere Messungen anknüpfen können.

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Der Aufklärer im Ordnungsgelände

Wie das militärische Lesen des Terrains zu einem Grundmuster meines ordnungsökonomischen Blicks wurde – ein Deutungsversuch

Wenn ich in den Wald gehe, gehe ich nicht nur spazieren. Das ist mir lange nicht aufgefallen, weil es sich nicht wie eine Anstrengung anfühlt, eher wie ein Grundton, der seit vielen Jahren läuft. Ein Waldrand ist für mich kein Bild, sondern ein Übergang – die Zone, in der Sicht und Wirkung auseinanderfallen, in der man gesehen wird, bevor man selbst sieht. „Waldränder sind mit Scheiße beschmiert“, hat einer meiner Ausbilder drastisch gesagt, und der Satz ist geblieben, wie solche Sätze bleiben: körperlich, unvergesslich, wahr. Ich habe ihn mit neunzehn gelernt und trage ihn mit mir, ob ich will oder nicht.

Was ich dort tue, ohne es zu wollen, ist Lesen. Ich lese, immer wieder zu meiner Verwunderung, das Gelände: in Linien, wo Bewegung liefe, wo Feuer läge, in Stellen, an denen man vorsichtig sein sollte, und in solchen, über die man einfach Gas gibt und hinüberkommt. Der Wald teilt sich mir auf: hier böte sich Verteidigung an, dort eine Umgehung, da ein Angriff. Und mit jeder dieser Zuweisungen kommt, fast unmerklich, eine zweite Frage mit, die eigentlich die erste ist: wo erwarte ich das vom anderen? Ich vermute inzwischen, dass genau hier der Kern liegt. Ich lese nie bloß den Raum. Ich lese immer schon jemanden im Raum, der ebenfalls liest.

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Die Ordnungsökonomie des Waldes (Wirtschaftliche Freiheit, 30. August 2026)

Ordnungsökonomischer Zugang zu einem meist ökologisch verhandelten Gegenstand. Der Beitrag zeigt die Dominanz der Fichte als Ergebnis von wirtschaftlichem Interesse, forstwissenschaftlichem Leitbild und staatlicher Lenkung – und ihre Persistenz als institutionellen Lock-in, der fortbestand, nachdem die ursprünglichen Gründe entfallen waren. Am Fall des Privatwaldes wird die Grundfigur der Organisationswirtschaft greifbar: formell privates Eigentum bei politisch konfiguriertem Handlungsraum. Zwischen Ökologismus und Konstruktivismus steht der Gärtner als Leitbild einer Ordnungspolitik, die verteiltes Wissen und Zeit aufnimmt, statt sie zu überschreiben. Angeregt von Norbert Berthold.

→ https://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=44912