Vier Schleifen, keine Bremse
Norbert Tofall hat in seinem jüngsten Kommentar für das Flossbach von Storch Research Institute ein Argument formuliert, das in der deutschen Haushaltsdebatte zu selten vorkommt: Deutschlands relative Solidität ist nicht nur ein nationaler Vorzug, sondern die Geschäftsgrundlage der europäischen Währungsordnung. Sie ist das Collateral, das die Erwartung trägt, im Ernstfall werde jemand haften. Wer die Schuldenbremse schleift, schwächt nicht primär den eigenen Haushalt, sondern zieht die Sicherheit ab, auf der die Preisbildung für europäische Staatsanleihen ruht. Norbert Tofall belegt das sauber, historisch grundiert, mit Ferguson’s Law als Schwellenmarke: Wo der Schuldendienst die Verteidigungsausgaben übersteigt, endet Großmachtfähigkeit.
Der Befund trägt. Ich möchte ihn um eine Frage ergänzen, die er nahelegt, aber nicht selbst stellt.
Norbert Tofall fragt implizit: Warum priorisiert die Politik nicht? Warum wird der Sozialetat nicht angetastet? Das sind Fragen an Akteure, und sie sind berechtigt. Die zweite Frage lautet: Warum erscheint die Schuldenpolitik alternativlos, und zwar unabhängig davon, wer regiert?


Der Idealtyp der
Paul Cantor, langjähriger Anglist in Virginia und – das ist die biographische Pointe – einst Schüler von Ludwig von Mises, hat einen lesenswerten Essay hinterlassen: eine Lektüre von Thomas Manns Erzählung Unordnung und frühes Leid (1925) im Licht der österreichischen Inflationstheorie. Manns Geschichte spielt in der Weimarer Hyperinflation, und Cantor zeigt textnah, wie sich die Misessche Analyse in der Alltagswirklichkeit niederschlägt: die Flucht in Sachwerte, die rationierten Eier, der Verfall der Substanz zugunsten des Ersatzes, die Verkürzung der Zeitpräferenz, der Autoritätsverlust der Alten gegenüber den anpassungsfähigeren Jungen. Inflation zerfrisst, so Cantors These, mehr als die Geldbörse – sie zersetzt den Wirklichkeitssinn selbst. Geldentwertung als Realitätsentwertung: „Hyperinflation und Hyperrealität“.
Institutioneller Verfall kündigt sich selten an. Er kommt nicht als Programm zur Abschaffung des Marktes, sondern als Programm zu seiner Rettung – schneller, klüger, strategischer. Die äußere Form des Marktes bleibt stehen, während seine innere Koordinationsfunktion nach oben wandert: von Preisen und unternehmerischem Urteil hin zu Zielvorgaben, Designationen und bedingten Genehmigungen. Genau das ist die Organisationswirtschaft – kein Plan im alten Sinne, aber auch keine freie Ordnung, sondern ein Drittes, das das Kostüm des Ersten trägt und nach der Logik des Zweiten arbeitet.
Geld wird gewöhnlich als technisches Instrument der Wirtschaftspolitik betrachtet – als Stellgröße, über die Zentralbanken Konjunktur, Beschäftigung und Preisniveau steuern sollen. Diese Vorstellung ist verbreitet, aber irreführend. Geld ist keine Variable bewusster Steuerung, sondern selbst eine Ordnungsfrage. Es koordiniert das Handeln Millionen einander unbekannter Menschen und ist damit Voraussetzung jeder funktionierenden Marktwirtschaft. Gerade darin unterscheidet sich eine freiheitliche Geldordnung grundlegend von den heutigen, politisch beherrschten Währungssystemen. Wo Diskretion, Intervention und Krisenbewirtschaftung vorherrschen, setzt eine liberale Geldordnung auf allgemeine Regeln, Haftung und Wettbewerb. Dieser Essay entfaltet die Geldfrage nicht als geldpolitisches Programm, sondern als Ordnungsproblem. Er zeigt die strukturellen Defekte des Zentralbanksystems, die Logik wettbewerblicher Geldordnungen und die technologischen Voraussetzungen ihrer Wiederkehr – und erklärt, warum freies Geld weder populär noch wahrscheinlich, aber denkbar bleibt.
Frank Schäfflers Buch gehört in die ehrwürdige Reihe der publizistischen wirtschafts- und finanzpolitischen Aufklärung. Es ist nie oberflächlich, im Gegenteil: Es verbindet finanzpolitischen Sachverstand mit der Erfahrung des langjährigen Bundestagsabgeordneten, dessen persönliche Erlebnisse immer wieder als anschauliche Belege eingeflochten werden. Daniel Stelters knappes Vorwort – „Schulden, die Ketten der Unfreiheit“ – setzt den Ton. Doch das Buch löst diesen Ton nicht in Alarmismus auf, sondern in geduldige Erklärung.
Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?
Simon Geissbühler, Schweizer Diplomat und vielschreibender Autor abseits seines Berufs, hat ein Buch über das Eigensinnige vorgelegt. Drei Figuren strukturieren den Band: der Renegat, der Outlaw, der Einzelgänger – verstanden als Verfechter individueller Freiheit gegen Konformitätsdruck und Massendynamik. Das Anliegen formuliert der Verfasser unverstellt: „Dieses Buch will aufzeigen, dass es möglich, richtig, hart, aber auch schön ist, gegen den Strom zu schwimmen. Es versammelt Notizen, die über die Jahre entstanden sind.“ Der zweite Halbsatz bezeichnet die Gattung präziser als der erste die These.