Autor-Archiv:Michael von Prollius

Ich schreibe über Ordnung, Freiheit und Verantwortung – mit Blick auf Geschichte, Gegenwart und Perspektiven einer freien Gesellschaft. Als Ökonom, Historiker und Publizist gilt mein Interesse den Voraussetzungen politischer und wirtschaftlicher Strukturen, die individuelle Würde achten und Entwicklung ermöglichen.

Guter Ansatz, falsche Zeit: Simon Sineks The Infinite Game

Die Erwartung war durchaus positiv. Simon Sineks Ansatz, das Denken in endlichen und unendlichen Spielen auf Organisationen und Führung zu übertragen, klingt verheißungsvoll – und der Einstieg hält, was er verspricht. Die Grundunterscheidung ist bestechend klar: Wer ein endliches Spiel spielt, will gewinnen; wer ein unendliches spielt, will weiterspielen. Auf Unternehmen, Institutionen, politische Akteure angewendet, ergibt das eine echte Perspektivverschiebung. Sinek formuliert das gewandt, und der erste Impuls des Lesers ist Zustimmung.Das Problem beginnt danach. Was als konzeptionelle Öffnung beginnt, zieht sich in Einzelfallstudien aus der amerikanischen Unternehmenswelt, in Wiederholungen und schließlich in das übliche Führungscoaching-Repertoire – „Courage to Lead” als Abschlusskapitel ist symptomatisch: wohlklingende Ermutigung ohne analytische Substanz. Wer das erste Kapitel gelesen hat, hat das Buch gelesen.

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Wenn Politik Preissignale nicht versteht

Eine ordnungspolitische Einordnung

Die neue Regel für Tankstellen in Deutschland ist ein kleines Beispiel mit großer Aussagekraft: Wenn Politik Preissignale nicht versteht, reguliert sie Symptome – und verschärft Ursachen.

Was als Verbraucherschutz gedacht war, erweist sich als Lehrstück wirtschaftspolitischen Irrtums. Preisänderungen an Tankstellen dürfen nur noch einmal täglich um 12 Uhr mittags erfolgen. Das sollte Transparenz schaffen, den Markt beruhigen und das Tanken berechenbarer machen. Tatsächlich zeigt die Maßnahme vor allem, wie tief das Misstrauen gegenüber Preisen inzwischen sitzt – und wie gering oft das Verständnis für ihre Funktion ist.

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Reformunfähigkeit als Systemeigenschaft

Warum substanzielle Reformen in Deutschland strukturell blockiert sind

In der deutschen Wirtschaftsdebatte kehrt eine Hoffnung mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit wieder: Wenn nur die richtigen Politiker an der Macht wären, wenn nur der politische Wille vorhanden wäre, wenn nur die Koalitionsarithmetik stimmte – dann ließe sich das Land reformieren. Diese Hoffnung ist verständlich. Sie ist auch analytisch nicht haltbar.

Deutschlands Reformunfähigkeit ist keine Frage des Personals. Sie ist eine Systemeigenschaft – das Ergebnis einer institutionellen Architektur, die Reformen strukturell verhindert, unabhängig davon, wer gerade regiert.

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When Government Becomes the Prize

Kleptocracy as an Institutional Problem

In political debate, kleptocracy is usually treated as a pathology of distant regimes. The term evokes images of corrupt autocracies where ruling elites openly plunder the state.

But this view misses a more unsettling possibility: kleptocracy is not merely the result of bad leaders. It can emerge as a logical outcome of political institutions themselves.

The key question is therefore not simply who governs, but what incentives governance creates.

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Die Wettbewerbswährung, die Europa nicht wollte

Es gibt Ideen, die zur falschen Zeit am richtigen Ort stehen – präzise ausgearbeitet, institutionell anschlussfähig, politisch nicht gewollt. Roland Vaubels Parallelwährungsvorschlag von 1977 gehört dazu. Fast fünfzig Jahre später, inmitten einer Debatte über digitale Zentralbankwährungen, Stablecoins und die Erosion des Vertrauens in das Eurosystem, verdient er eine Wiederentdeckung – nicht als historische Kuriosität, sondern als Beleg für eine Wegscheide, die bewusst nicht genommen wurde.

Ein Kieler Dissident

Roland Vaubel legte seine Dissertation 1977 an der Universität Kiel vor, unter Herbert Giersch, dem Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Gründungsmitglied des Sachverständigenrates – einer der prägenden Figuren der deutschen Ordnungsökonomik der Nachkriegszeit. Das Thema war die europäische Währungsunion, damals noch ein Fernziel, nach dem gescheiterten Werner-Plan und dem holpernden Europäischen Währungssystem ein ungelöstes Problem.

Vaubels Antwort war ungewöhnlich. Er fragte nicht, wie man die Wechselkurse am besten fixiert, sondern ob Fixierung überhaupt der richtige Weg ist. Seine empirische Analyse der realen Wechselkursveränderungen in der Europäischen Gemeinschaft zeigte: Die Mitgliedsländer unterschieden sich in ihren Inflationsraten und Anpassungsbedarfen so erheblich, dass eine erzwungene Kursfixierung nicht Stabilität erzeugte, sondern Anpassungslasten auf Beschäftigung und Löhne verschob. Das war ein eigenständiger Beitrag zur Theorie optimaler Währungsräume, neben Mundell, McKinnon und Kenen, nicht von ihnen abgeleitet.

Aber Vaubel blieb nicht bei der Diagnose. Er schlug einen Mechanismus vor.

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Eigentum als Ordnung – nicht als Privileg

Die Diskussion um das Privateigentum hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschoben. Was lange als selbstverständlicher Bestandteil der marktwirtschaftlichen Ordnung galt, wird heute zunehmend als politisch disponibler Faktor behandelt: als verhandelbares Gut, als moralisch zu rechtfertigender Besitz, als sozial zu konditionierende Ressource. Eigentum erscheint nicht mehr als Ordnungsprinzip, sondern als Problemfall – je nach Größe, Herkunft oder Verwendung.

Diese Verschiebung wird häufig als Detailfrage verkannt. Es gehe, so heißt es, um Wohnraum, um Vermögenskonzentration, um soziale Gerechtigkeit oder um fiskalische Fairness. Tatsächlich aber steht weit mehr auf dem Spiel. Wer das Privateigentum relativiert, greift nicht einzelne Besitzstände an, sondern das institutionelle Fundament der Marktwirtschaft selbst – und damit zugleich eine zentrale Voraussetzung der freien Gesellschaft.

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Haltung im Niedergang

Rudolf-Christoph von Gersdorff und die Frage nach Maßstäben im institutionellen Verfall

Die Autobiographie Soldat im Untergang von Rudolf-Christoph von Gersdorff ist kein Buch, das sich aufdrängt. Sie ist ruhig, sachlich, unaufgeregt. Gerade deshalb entfaltet sie eine eigentümliche Wirkung. Nicht durch dramatische Selbstinszenierung, nicht durch moralische Anklage, sondern durch die stille Evidenz einer stimmigen Lebenshaltung.

Gersdorff erscheint darin als Soldat, Gentleman, Zeitzeuge – vor allem aber als jemand, dessen Leben von einem inneren Maß zusammengehalten wird. Pflicht, Selbstdisziplin, Verantwortung gegenüber Untergebenen, Loyalität gegenüber der Ordnung, solange sie Ordnung ist. Keine Ideologisierung, keine Pose. Auch dort, wo er an den Rand des Erträglichen gerät, bleibt der Ton nüchtern. Man spürt: Hier schreibt jemand, der sich nicht rechtfertigen muss.

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Organisationswirtschaft — ein dritter Idealtypus

Walter Eucken hat der ordnungstheoretischen Tradition zwei Idealtypen wirtschaftlicher Koordination hinterlassen: die Verkehrswirtschaft, koordiniert durch dezentrale Preise und Wettbewerb, und die Zentralverwaltungswirtschaft, koordiniert durch zentralen Plan. Diese Dichotomie ist analytisch klar und zugleich systematisch zu kurz gesprungen. Sie erfasst weder den faschistischen Wirtschaftstypus der Zwischenkriegszeit noch die dominante Koordinationslogik westlicher Gegenwartsökonomien. Beides sind keine Mischformen, sondern Ausprägungen eines eigenständigen dritten Typus: der Organisationswirtschaft.

Definition und Koordinationslogik

Leviathan, or the Matter, Forme, & Power of a Comm – caption: ‚Leviathan‘

Organisationswirtschaft ist politisch organisierte Koordination bei formal erhaltener privater Eigentumsordnung. Sie steuert weder durch Preissignale noch durch zentralen Plan, sondern durch administrative Einbettung, selektive Lenkung und Konformitätsdruck. Privatrechtliche Formen – Eigentum, Vertrag, Unternehmung, Kapitalmarkt – bleiben erhalten; die ökonomische Substanz wandert in politisch definierte Korridore. Märkte erscheinen, funktionieren aber innerhalb von Mandaten, Subventionsregimen, Aufsichtsstrukturen und moralisierten Compliance-Erwartungen.

Die Trennung von Eigentum und Verfügung – von Burnham 1941 als managerial revolution diagnostiziert, von Drucker (1939) und Pollock parallel beobachtet – ist konstitutiv. Wer formal besitzt, ist zweitrangig; wer faktisch entscheidet, bestimmt den Ordnungscharakter. In der Organisationswirtschaft entscheiden administrative Hierarchien, politische Mandate und konditionale Fördersysteme, nicht aber die Eigentümer in Reaktion auf Preise.

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Kriegswirtschaft als Denkfehler

Eine ordnungspolitische Klarstellung

Der Begriff „Kriegswirtschaft“ erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Spätestens seit der russischen Invasion in der Ukraine und der offen strategischen Neuorientierung Chinas wird er genutzt, um einen grundlegenden geopolitischen Bruch zu beschreiben. Auch Daniel Stelter greift diese Deutung auf – unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Thesen von David Baverez.

Die geopolitische Diagnose mag in Teilen zutreffen. Ordnungspolitisch jedoch ist die Rede von der „Kriegswirtschaft“ hochproblematisch – und zwar nicht nur semantisch, sondern institutionell.

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Der stille Verfall von Institutionen

Jasay’s Garden 2026 – Muster, Mechanismen und Grenzen institutioneller Ordnung

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Jasay’s Garden widmet sich 2026 einem Thema, das selten laut verhandelt wird – und doch allgegenwärtig ist: dem Verfall von Institutionen.

Institutionen sind die unscheinbaren Träger moderner Ordnung. Sie strukturieren Erwartungen, begrenzen Macht, ermöglichen Kooperation und schaffen Verlässlichkeit über persönliche Beziehungen hinaus. Gerade deshalb werden sie meist erst dann wahrgenommen, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Der Verfall von Institutionen vollzieht sich selten spektakulär. Er geschieht schleichend: durch Überlastung, durch Regelanhäufung, durch Machtverschiebungen, durch Selbstreferenz. Oft bleibt er lange unsichtbar, weil Institutionen auch im Verfall noch arbeiten – nur schlechter, träger, widersprüchlicher.

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