Autor-Archiv:Michael von Prollius

Ich schreibe über Ordnung, Freiheit und Verantwortung – mit Blick auf Geschichte, Gegenwart und Perspektiven einer freien Gesellschaft. Als Ökonom, Historiker und Publizist gilt mein Interesse den Voraussetzungen politischer und wirtschaftlicher Strukturen, die individuelle Würde achten und Entwicklung ermöglichen.

Sondervermögen und historische Lehren

Ein Gespräch für das Kontrafunk-Radio am 21. November 2025 gab Anlass, die gegenwärtige deutsche Aufrüstungsdebatte wirtschaftsgeschichtlich einzuordnen.

Was ist Kriegswirtschaft?

Kriegswirtschaft bezeichnet die staatliche Priorisierung militärischer Bedürfnisse in der Wirtschaft. Sie reicht von punktueller Mobilisierung einzelner Ressourcen bis zur totalen Umstellung einer Volkswirtschaft auf Rüstungsproduktion. Entscheidend ist: Kriegswirtschaft ist nie nur ein ökonomisches Phänomen. Sie greift immer institutionell in die Gesellschaft ein – durch Kapitallenkung, Arbeitszwang, Rationierung oder direkte Produktionssteuerung.

Die moderne Kriegswirtschaft entstand im Ersten Weltkrieg. Die 3. Oberste Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff etablierte erstmals systematische staatliche Lenkung von Produktion, Arbeitskräften und Kapital. Das Hilfsdienstgesetz von 1916 unterwarf faktisch die gesamte männliche Bevölkerung zwischen 17 und 60 Jahren militärischen Bedürfnissen. Diese institutionelle Invasion überlebte den Krieg – Lenkungsinstrumente blieben bestehen, Bürokratien wuchsen, Interventionismus wurde zur Normalität. Aus dem Ausnahmezustand wurde strukturelle Pfadabhängigkeit.

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Analyse der deutschen Reformunfähigkeit: Struktur, Dynamik, Ausblick

Diese Analyse beschreibt die Mechanik dieser Reformunfähigkeit:
Pfadabhängigkeiten, politökonomische Blockaden, eine überlastete Verwaltung und ein politisches Personal, dem vor allem Handlungsspielräume fehlen. Deutschland driftet – ohne dramatischen Bruch, aber auch ohne Richtung.

Ziel dieses Papiers ist es, die Funktionsweise dieses Drifts – Drift = Bewegung ohne Steuerung, Abbau ohne Kollaps – nachvollziehbar zu machen und die Punkte zu identifizieren, an denen ein späteres Erneuerungsfenster entstehen könnte. Nicht als Prognose, sondern als strukturierte Lagebeschreibung eines Landes, das zwischen Stabilität und Stillstand verharrt und vor einer dauerhaften Erschöpfung seiner institutionellen, ökonomischen und politischen Leistungsfähigkeit steht.

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Die Versuchung der Ordnung – Ein Plädoyer für die Kunst dezentral zu bleiben

Planung ist die Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum.
— Robert Nef

„Die Kunst des Fortschritts besteht darin, inmitten des Wechsels Ordnung zu wahren, inmitten der Ordnung den Wechsel aufrechtzuerhalten.“ 
— 
Alfred N. Whitehead

Jeder Garten, der ohne Gärtner gedeiht, verführt uns zu der Annahme, jemand müsse ihn geplant haben.
Wir sehen die Symmetrie seines Wachsens, das stille Gleichgewicht seines Lebens – und glauben an eine verborgene Hand. Doch da ist nur Zeit, Zufall und die leise Disziplin der Natur: ein sich selbst ordnendes System, das sich korrigiert, ohne je kommandiert zu werden. Das gelingt sogar im Fall einer Renaturierung – wunderbar beschrieben hat das Isabella Tree in ihrem Buch „Wilding. The Return of Nature to a British Farm“. Die prosperierende Natur kommt durch unsichtbaren Hände, Hufe, Flügel, Schnäbel, Knospen und Wurzeln entwickelt sich ungeplant.

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Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute

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Ronald D. Gerste, Augenarzt, Historiker, Journalist und Sachbuchautor, hat vor 10 Jahren eine populärwissenschaftliche Darstellung veröffentlicht, die Wetter- und Klimaereignisse als Faktoren historischer Entwick

lungen interpretiert. In 29 Essays verbindet er Episoden der Weltgeschichte mit meteorologischen Bedingungen – von der Antike bis in die Gegenwart.

Das Werk bewegt sich zwischen populärer Vermittlung und wissenschaftlicher Illustration. Es bietet eine Reihe selektiv gewählter Beispiele, die zumeist bildungsbürgerliche relevante Ereignisse rekapitulieren – etwa die Seeschlacht bei Salamis, die Russlandfeldzüge Napoleons und Hitlers, die Stürme gegen die spanischen Armadas – extreme Kälte-, Hitze-, Dürrephasen, letztere ist z.B. mit dem Niedergang der Maya-Kultur verbunden. Auch kulturhistorische Motive wie die Winterbilder Averkamps werden einbezogen oder die Gründung der Masse der deutschen Stäfte während der mittelalterlichen Warmzeit.

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Liberale Prinzipien im Kleinen: Was uns erfolgreiche Teams über freie Gesellschaften lehren

Richard Feynman erzählt in seinen Memoiren eine aufschlussreiche Episode aus dem Manhattan Project. Die Berechnungen für die Atombombe waren kompliziert und gingen quälend langsam voran. Dutzende Frauen saßen an mechanischen Rechenmaschinen und tippten Zahlen ein – Tag für Tag, Stunde um Stunde. Die Produktivität war miserabel.

In einer Besprechung diskutierte man Lösungen. Höhere Bezahlung? Bonuszahlungen? Strengere Kontrollen? Feynman stellte eine simple Frage: „Wissen die überhaupt, woran sie arbeiten?“

Betretenes Schweigen. Natürlich wussten sie es nicht. Geheimhaltung. Aber Feynman bestand darauf: „Sagt es ihnen.“

Man tat es. Und die Produktivität explodierte.

Die Rechnerinnen tippten nicht mehr nur Zahlen. Sie arbeiteten daran, den Krieg zu beenden und die westliche Zivilisation zu retten. Dieselben Menschen, dieselben Maschinen, dieselbe Aufgabe – aber mit Sinn und Zweck.

Was Teams und freie Gesellschaften gemeinsam haben

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Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biographie

Ein stiller Selbstdenker erwacht zu neuem Leben

Jörg Späters monumentale Biographie über Siegfried Kracauer (rund 750 Seiten) ist zunächst gewöhnungsbedürftig – wer rechnet schon damit, dass die Lebensgeschichte eines Architekten-Feuilletonisten-Filmtheoretikers derart packend werden kann? Doch genau das gelingt dem Freiburger Historiker: Er erweckt einen stillen, stotternden, wenig sichtbaren Selbstdenker zu neuem Leben.

Kracauer verkörpert einen bewussten Grenzgänger: ein Intellektueller, der aus gefühlter Einsamkeit und prekären Verhältnissen heraus in Spezialistenkreisen innoviert und dabei gesellschaftliche Tiefenstrukturen freilegt. Später zeigt, wie dieser „pan-optische Deuter der Moderne“ aus großem intellektuellem Drang die „unscheinbaren Oberflächenäußerungen“ seiner Zeit – Filme, Tänze, Ornamente – zu epochalen Diagnosen destilliert. Keine Heldengeschichte, sondern das Porträt eines Außenseiters zwischen den Disziplinen.

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Ökonomie des Sieges – Warum Abschreckung Freiheit braucht

Kriege werden nicht nur auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern im Kern ökonomisch. Wer die Ressourcen hat, sie rechtzeitig mobilisieren kann und seine Produktionskapazitäten flexibel anpasst, besitzt den entscheidenden Vorteil. Das gilt besonders für fundamentale Auseinandersetzungen, in denen es nicht um einzelne Schlachten, sondern um die Existenz von Staaten und Gesellschaften geht.

Ein eindrückliches Beispiel liefert die amerikanische Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg. In einem Gespräch mit Brian Potter schildert Russ Roberts in seinem Podcast EconTalk, wie die USA nahezu aus dem Nichts 300.000 Flugzeuge innerhalb von fünf Jahren bauten. Diese gewaltige Rüstungsleistung steht sinnbildlich für das, was Präsident Roosevelt das „Arsenal of Democracy“ nannte.

Kriege werden ökonomisch gewonnen

Die militärische Stärke der USA speiste sich weniger aus der Zahl der Soldaten als aus der Fähigkeit, Nachschub, Waffen und Fahrzeuge in einer bis dahin unvorstellbaren Größenordnung zu liefern. Die ökonomische Basis entschied darüber, ob Kriege durchgestanden oder verloren wurden, wer auf dem Schlachtfeld mit modernen Waffen in ausreichender Zahl die Oberhand behielt – Lufthoheit, Meere beherrschen, auf dem Land letztlich unaufhaltsam sein.

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Auf den Spuren einer seltenen Spezies

Ein hoch dekorierter Wehrmachtsoffizier als moralisches Vorbild? Die Brüder von Boeselager und die Kunst des Widerstands ohne Heroismus

Als Panzeraufklärer kenne ich den Namen Boeselager aus dem Wettkampf – jenen anspruchsvollen Spähparcours, der meine Truppe bis Mitte der 1990er Jahre forderte. Sein Konterfei prägte eine große Wand im Stabsgebäude. Georg von Boeselager steht für militärische Innovation: die gelungene Verbindung von Kavallerie und mechanisierten Kräften, taktische Brillanz, Tapferkeit und Führungsqualität. Doch seine wahre Größe liegt anderswo.

Das Paradox des denkenden Offiziers

Ausgerechnet ein Wehrmacht-Offizier als Vorbild für heutige Führungskräfte? Das klingt provokant. Doch Georg von Boeselager gehörte zu einer seltenen Spezies: Er war ein denkender Offizier in einer Zeit systematischen moralischen Versagens, insbesondere von Teilen der Generalität. Während seine Kameraden sich hinter „Befehl ist Befehl“ versteckten, entwickelte er eine klare Hierarchie: Gewissen über Gehorsam, moralische Verpflichtung über institutionelle Loyalität.

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Stahlwalzen-Rhythmus und Seele: Warum Hard Rock das erdige Lebensgefühl einer Generation war

Drücken Sie Play bei Whitesnakes „Crying in the Rain und hören Sie genau hin. Was Sie in den ersten Sekunden erleben (besonders ab 0:31), ist mehr als Musik – es ist eine Lebenswelt.

Da ist er wieder: dieser unerbittliche, rollende Achtel-Groove. Wie eine Panzerattacke in Zeitlupe, wie Waschmaschinen, die nach vorne rollen, wie eine Erdölförderpumpe, die unaufhörlich den Rhythmus des Industriezeitalters pumpt. Das ist der DNA-Baustein des Hard Rock – und zugleich der Soundtrack einer Ära, die zwischen Maschine und Seele, zwischen Kraft und Emotion ihre eigene Spiritualität fand.

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Gut sterben

Dieser Text auf The Free Press hat bei mir Eindruck hinterlassen: Ancient Wisdom: How to Die Well. Charlotte Grinberg kennt sich mit dem Sterben aus. Und sie hat viele bedenkenswerte Dinge darüber zu sagen. Man kann den Text mehr als nur einmal lesen. Und man darf darüber nachdenken, statt die nächste Nachricht zu konsumieren.

Das sind drei bemerkenswerte Passagen, die den Kern des Artikels erfassen:

1. Gesellschaftliche Verdrängung: „Even when patients receive a terminal diagnosis, many of them and their families cling to the idea that there’s still more time. I often hear ‚The doctors must be wrong,‘ or ‚They’re giving up too early,‘ or ‚This is just temporary. We’ll try hospice for now.‘ We are often asked not even to use the word hospice.“

2. Der natürliche Sterbeprozess: „Most of the time, dying is not sudden or dramatic. It is not a single moment—it is a process that can go on for days, sometimes weeks and even months. Understanding this can help ease fear… the more you witness death, the more you learn to just surrender—to time, to place, to outcome.“

3. Tod als Lehrer: „I believe death should not be seen only as an ending. It is a teacher, a mirror, a catalyst. It shapes how we live, how we spend our time, where we seek meaning. Death shouldn’t be feared throughout life; it can motivate us to live better.“

Diese Passagen weisen auf zentrale Aussagen hin: Verdrängung vs. Akzeptanz, praktisches Verständnis des Sterbens, und Tod als transformative Kraft für das Leben.

Man kann zudem über den Artikel diskutieren. Sind soziale Kontakte so ziemlich das Wichtigste im Leben? Gilt das für die Masse der Menschen, für jeden? Was ist noch wichtig, vielleicht wichtiger? Wie wir gut leben und gut sterben ist nicht zuletzt eine individuelle Frage. Allerdings gibt es bedeutende Muster auf die Charlotte Grinberg hinweist.