Das intellektuelle Problem liegt tiefer. Sineks Vorlage ist James P. Carse, dessen schmales, aphoristisches Werk Finite and Infinite Games (1986) die eigentliche Quelle ist – dichter, philosophisch ernsthafter, und ohne Coaching-Ambitionen. Carse, Religionswissenschaftler an der NYU, entwickelte die Unterscheidung als universelle Lebensphilosophie: Es gibt nur ein unendliches Spiel. Sinek verwässert das zur Unternehmensberatung.
Hinzu kommt ein strukturelles Defizit: Das Buch entstand 2019, in einer Welt, in der das größte Problem amerikanischer Großunternehmen Kurzfristdenken war – nicht institutioneller Verfall, nicht geopolitische Zeitenwende, nicht das Erodieren der Rahmenbedingungen, unter denen purpose-driven Organisationen überhaupt gedeihen können. Sineks implizite Prämisse lautet: Wer richtig spielt, überlebt langfristig. Das stimmt – aber nur unter stabilen Spielregeln. In einer Welt driftender Institutionen und feindseliger Umwelten ist das eine heroische, ungeprüfte Annahme. Die stachelige Realität kommt im Buch nicht vor.
Für den europäischen Leser, der die Fragilität politischer und wirtschaftlicher Ordnungen nicht nur theoretisch kennt, wirkt The Infinite Game deshalb wie ein Buch aus einer anderen Zeit – nicht falsch, aber kategorial unzuständig für die Gegenwart. Der Grundansatz verdient Zustimmung; die Ausführung ist dünn, die Verkürzung gegenüber Carse intellektuell unredlich, und der Ton amerikanisch-motivational in einem Maße, das ermüdet.
Fazit: Das erste Kapitel lesen, Carse im Original zur Hand nehmen. Schulnote: 7 von 15 Punkten.
