Der Aufklärer im Ordnungsgelände

Wie das militärische Lesen des Terrains zu einem Grundmuster meines ordnungsökonomischen Blicks wurde – ein Deutungsversuch

Wenn ich in den Wald gehe, gehe ich nicht nur spazieren. Das ist mir lange nicht aufgefallen, weil es sich nicht wie eine Anstrengung anfühlt, eher wie ein Grundton, der seit vielen Jahren läuft. Ein Waldrand ist für mich kein Bild, sondern ein Übergang – die Zone, in der Sicht und Wirkung auseinanderfallen, in der man gesehen wird, bevor man selbst sieht. „Waldränder sind mit Scheiße beschmiert“, hat einer meiner Ausbilder drastisch gesagt, und der Satz ist geblieben, wie solche Sätze bleiben: körperlich, unvergesslich, wahr. Ich habe ihn mit neunzehn gelernt und trage ihn mit mir, ob ich will oder nicht.

Was ich dort tue, ohne es zu wollen, ist Lesen. Ich lese, immer wieder zu meiner Verwunderung, das Gelände: in Linien, wo Bewegung liefe, wo Feuer läge, in Stellen, an denen man vorsichtig sein sollte, und in solchen, über die man einfach Gas gibt und hinüberkommt. Der Wald teilt sich mir auf: hier böte sich Verteidigung an, dort eine Umgehung, da ein Angriff. Und mit jeder dieser Zuweisungen kommt, fast unmerklich, eine zweite Frage mit, die eigentlich die erste ist: wo erwarte ich das vom anderen? Ich vermute inzwischen, dass genau hier der Kern liegt. Ich lese nie bloß den Raum. Ich lese immer schon jemanden im Raum, der ebenfalls liest.

Es ist mir erst spät aufgefallen, dass dieser Grundton nicht nur im Gelände läuft. Ich beobachte gern Tiere, aber ich verweile nicht lange am selben, bis in jede Einzelheit; nach der Anschauung braucht es die Einordnung. Ich schaue mir Natur gern an und greife dann nach dem Intellektuellen – Lesen, Schreiben, Gespräch. Ich mag Menschen, aber ich brauche den Rückzugsraum fürs Konzeptionelle. Immer dieselbe Doppelbewegung: Anschauung und Einordnung, Handlung und Analyse, Kontakt und Rückzug. Das Gelände ist nicht der Ursprung dieses Rhythmus; es ist seine schärfste Ausprägung, die Stelle, an der er sich am deutlichsten zeigt.

Vielleicht, ich taste hier, ich behaupte es nicht, ist das der Grund, warum mir diese Wahrnehmung nie fremd geworden ist, obwohl die Uniform schon lange im Schrank hängt. Denn es ist womöglich dieselbe Bewegung, die ich seither an ganz anderen Gegenständen vollziehe.

Denn was ich im Wald tue, tue ich, wie sich zeigt, auch am Schreibtisch. Wenn ich eine wirtschaftspolitische Ordnung betrachte, eine Regel, ein Gesetz, eine Institution, dann frage ich zuerst nicht, was sie ist, sondern was sie zulässt und was sie versperrt. Wo läuft Handeln frei, wo wird es kanalisiert, wo läuft es fest. Das ist dieselbe Lektüre. Der Raum ist ein anderer. Kein Gelände aus Boden und Bewuchs, sondern eines aus Regeln und Anreizen. Aber die Bewegung des Auges ist dieselbe: das Terrain als Feld von Möglichkeiten lesen, die es dem Handeln eröffnet und verschließt. Und ich sehe die Handelnden darin nicht abstrakt, sondern imaginär vor mir. Das Feld ist von Anfang an bevölkert, mit Bewegungen, die es noch nicht gibt und die ich schon laufen sehe.

Hier merke ich, dass das Wort, das über allem steht, doppelt trägt. Der Aufklärer im Gelände liest das Terrain, um zu verstehen, was kommen kann. Der Aufklärer der anderen Bedeutung will verstehen und das Verstandene weitergeben. Beides bin ich, und beides ist dieselbe Person: Ich informiere mich mit einer fast kindlichen Freude und teile die Einsicht dann gern  angetan von ihr, oft in der irrigen Annahme, andere wollten von ihr ebenso profitieren wie ich. Der Späher und der Publizist sind unter einem Wort dieselbe Figur.

Und wie im Wald kommt auch am Schreibtisch die zweite Frage sofort mit. Eine Regel steht nie für sich; sie ist eine Antwort auf erwartetes Handeln, ihrerseits gelesen von denen, die unter ihr handeln und antizipieren, wie sie wirken wird. Das ist der Punkt, an dem die Ordnungsökonomen, bei denen ich in die lesend Schule gegangen bin, mir vertraut vorkamen, ehe ich sie ganz verstanden hatte. Was Hayek und Mises, was Hazlitt und Jasay beschreiben, ist im Kern eine Aufklärerfrage: nicht was jemand will, sondern was seine Lage ihn erwarten lässt und was er seinerseits von den anderen erwartet. Institutionen sind, so gesehen, erstarrte Antworten auf antizipiertes Handeln. Man liest sie nicht, indem man Absichten errät, sondern indem man das Feld liest, in dem gehandelt wird.

Hier verdichtet sich das Bild an einer Stelle so scharf, dass es kaum noch Bild ist. Der Aufklärer sucht im Gelände nicht die auffällige Masse, sondern den unscheinbaren Punkt, an dem alle Bewegung hindurch muss: die Brücke, die Furt, den Waldeingang, die Annäherung über die Höhe, den einen deckungslosen Streifen, den keiner ungesehen quert. Den Engpass. Wer ihn hält, beherrscht weit mehr, als seine Ausdehnung vermuten lässt. Und genau diesen Punkt suche ich, ohne es mir je umgewöhnt zu haben, auch in der Ordnung: die Stelle, an der eine kleine Setzung den ganzen nachfolgenden Raum verengt, den Lock-in, die Verriegelung – jene Schwelle, hinter der eine Bewegung nur noch in eine Richtung läuft, oft ohne dass jemand sie so gewollt hätte. Die Bürokratisierung ohne Autor, den Kernkraftausstieg als Verriegelung, die Wohnungspolitik, die sich selbst zuschließt: das sind Engpässe im institutionellen Gelände. Ich habe vermutlich gelernt, sie zu sehen, bevor ich wusste, dass es sie gibt.

Vielleicht ist deshalb der Gang in den Wald für mich nie nur Erholung im Sinne des Abschaltens. Der Grundton läuft immer wieder weiter, und ich habe aufgehört, ihn vollkommen abstellen zu wollen. Wenn ich am Waldrand die Übergangszone spüre, wenn ich auf dem Wasser die eigene Silhouette und die anderer als Zielfläche wahrnehme, die Uferstellen danach sortiere, welche zu offensichtlich für eine Landung sind und welche gerade deshalb geeignet, dann tut derselbe Apparat, mit dem ich Institutionen lese, für einen Augenblick wieder das, wofür er zuerst geschult wurde. Das Abstrakte kehrt in seine Anschauung zurück. Der Späher, der institutionelle Räume liest, war zuerst ein Leser des Bodens, und im Gelände erkennt er sich wieder, vor aller Theorie. Die Anschauung war zuerst da, die Begriffe kamen später.

Und doch, wenn ich ehrlich taste, endet die Betrachtung nicht in dieser bequemen Deckung. Denn ich muss eine Reihenfolge eingestehen, die nicht die ist, die man von einem Ordnungsökonomen erwartet. Mein schneller, ungebetener erster Zugriff ist nicht die Lage – er ist das Urteil über den Menschen. Ein ad hominem, ehe ich es merke, ein moralisch-personaler Reflex, der zuschnappt, bevor ich denke. Was ich das Aufklärerlesen nenne, die Frage nach Anreiz und Lage statt nach Gesinnung, ist bei mir gerade nicht dieser Reflex, sondern die Zucht, die ihn einordnet und an seinen Platz verweist. Diese Selbstdisziplin läuft recht zuverlässig; das Rohurteil kommt selten zur Wirkung, weil die Ordnungslektüre es rasch überschreibt. Aber ehrlich ist nur, wer sagt, dass es zuerst da ist. Und bemerkenswert ist, dass diese Zucht heute keine militärische mehr ist, sondern eine intellektuelle – nicht mehr die des jungen Mannes im Gelände, sondern die des Schreibenden am Tisch.

Bleibt eine feinere Lücke, und sie liegt nicht dort, wo ich sie zuerst vermutet hätte. Dass das Absichtsvolle, das Überraschende erst an zweiter Stelle kommt, ist kein Versäumnis. First things first: erst die Lage, dann die List. Die Rangfolge ist richtig. Zum Problem wird nur ein einziger Akteurstyp, und zwar nicht, weil meine Methode ihn nicht fassen könnte, sondern weil meine Erfahrung ihn kaum kennt. Mein bevölkertes Feld ist voll von Handelnden, die ihrer Lage gemäß handeln – destruktiv oft, aber im Einklang mit ihren Anreizen, wie in einer kaputten Organisation. Den einen, der gegen seine Lage handelt, um zu täuschen, der meine Erwartung schon mitgedacht hat und sich genau dort entzieht, wo ich ihn erwarte, den stelle ich mir zuletzt vor, weil ich ihm lange nicht begegnet bin. Das ist keine Grenze meiner Methode, sondern eine Lücke in meinem Besetzungsrepertoire. Der Aufklärer liest das Terrain klar und bevölkert es sicher. Nur die eine Figur, den wirklich arglistigen Gegenspieler, setzt er selten ein – nicht aus Blindheit, sondern aus Mangel an Anlass. Das ist, vermute ich, der wahre Rand meines Sehens, und vielleicht der einzige, den mir nur die Erfahrung, nicht die Reflexion schließen könnte. Aber vielleicht will ich ihn gar nicht ganz schließen. Denn was mich treibt, ist nicht das Misstrauen, sondern die Neugier, und die liest ein Feld lieber auf das hin, was es ermöglicht, als auf das, was einer darin verbirgt.