Schlagwort-Archiv:Denken in Ordnungen

Wer die Mitte verwaltet, verliert sie. Eine ordnungspolitische Vermessung des Parteienraums

Wer die gegenwärtige Parteienlage in Deutschland beschreibt, stößt rasch auf eine Formel, die viele Wähler intuitiv teilen: Wer politische Veränderung wolle, habe nur noch die Wahl zwischen links und rechts. Die Mitte, so das Empfinden, biete Verwaltung des Bestehenden, aber keine Alternative mehr. Dieses Empfinden ist kein Stimmungsartefakt. Es verweist auf eine strukturelle Verschiebung im Parteienwettbewerb, deren Ursachen tiefer liegen als in Personen oder Tagesereignissen – und die sich mit den Mitteln der ökonomischen Ordnungstheorie präziser fassen lässt als mit dem üblichen Vokabular von Protest und Populismus.

Von der Randlücke zum leeren Quadranten

Der Ausgangspunkt ist ein klassisches Ergebnis der ökonomischen Theorie der Demokratie. Anthony Downs (1931-2021), Politikwissenschaftler und Ökonom, zeigte, dass Parteien im Wettbewerb um den Medianwähler dazu tendieren, ihre Programme einander anzunähern. Wo zwei große Parteien um die entscheidende Mitte konkurrieren, konvergieren sie; jede Abweichung nach außen verschenkt Stimmen an den Wettbewerber. Das Downs’sche Modell erklärt damit eine dauerhafte Beobachtung: die programmatische Ununterscheidbarkeit etablierter Volksparteien, ihre Neigung, verbleibende Differenzen symbolisch aufzublähen, während sie in der Substanz zusammenrücken. Der Politikwissenschaftler Peter Mair (1951-2011) hat das Resultat dieser Konvergenz als Aushöhlung der Repräsentation beschrieben: Regieren wird „verantwortlich“ im Sinne der Sachzwänge, aber nicht mehr „responsiv“ gegenüber den Wählern.

Das reine Medianwähler-Modell ist jedoch eindimensional und prognostiziert Konvergenz. Beobachtbar ist aber Polarisierung. Der Widerspruch löst sich, sobald man zwei Ergänzungen einführt.

Erstens ist der politische Raum nicht eindimensional. Neben die ökonomische Verteilungsachse ist eine zweite, soziokulturelle Konfliktlinie getreten, in der Parteienforschung als GAL-TAN-Achse vermessen: grün-alternativ-libertär gegen traditional-autoritär-national. „Ökonomisch“ statt „links/rechts“ ist dabei kein Jargon, sondern eine notwendige Entwirrung. Beide Achsen sind politisch; die Worte „links“ und „rechts“ hingegen saßen ursprünglich allein auf der ökonomischen: links für Staat und Umverteilung, rechts für Markt und Eigentum. Dass sie dort heute erklärungsbedürftig wirken, verweist schon auf die Wanderung ihrer Bedeutung, die dieser Text nachzeichnet.

Zweitens erzwingt die Konvergenz in der Mitte, dass an den Rändern nicht bediente Nachfrage entsteht. Und diese Ränder sind, sobald der Raum zweidimensional wird, nicht mehr ein einzelner Rand, sondern mehrere unbesetzte Felder. Aus der Downs’schen Randlücke werden leere Quadranten. Das ist die entscheidende Erweiterung: Nicht die Konvergenz allein treibt den Aufstieg der Herausforderer, sondern die Kombination aus Konvergenz und Mehrdimensionalität, die bestimmte Positionen im Raum konkurrenzlos verfügbar macht.

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Der Aufklärer im Ordnungsgelände

Wie das militärische Lesen des Terrains zu einem Grundmuster meines ordnungsökonomischen Blicks wurde – ein Deutungsversuch

Wenn ich in den Wald gehe, gehe ich nicht nur spazieren. Das ist mir lange nicht aufgefallen, weil es sich nicht wie eine Anstrengung anfühlt, eher wie ein Grundton, der seit vielen Jahren läuft. Ein Waldrand ist für mich kein Bild, sondern ein Übergang – die Zone, in der Sicht und Wirkung auseinanderfallen, in der man gesehen wird, bevor man selbst sieht. „Waldränder sind mit Scheiße beschmiert“, hat einer meiner Ausbilder drastisch gesagt, und der Satz ist geblieben, wie solche Sätze bleiben: körperlich, unvergesslich, wahr. Ich habe ihn mit neunzehn gelernt und trage ihn mit mir, ob ich will oder nicht.

Was ich dort tue, ohne es zu wollen, ist Lesen. Ich lese, immer wieder zu meiner Verwunderung, das Gelände: in Linien, wo Bewegung liefe, wo Feuer läge, in Stellen, an denen man vorsichtig sein sollte, und in solchen, über die man einfach Gas gibt und hinüberkommt. Der Wald teilt sich mir auf: hier böte sich Verteidigung an, dort eine Umgehung, da ein Angriff. Und mit jeder dieser Zuweisungen kommt, fast unmerklich, eine zweite Frage mit, die eigentlich die erste ist: wo erwarte ich das vom anderen? Ich vermute inzwischen, dass genau hier der Kern liegt. Ich lese nie bloß den Raum. Ich lese immer schon jemanden im Raum, der ebenfalls liest.

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