Die Selbstbeobachtung der Ordnung

Warum eine Jubiläumsvorlesung mehr über den Verfall verrät als über die Marktwirtschaft

Im Wintersemester 2026/27 widmet die Universität zu Köln der Sozialen Marktwirtschaft eine Ringvorlesung. Der Titel fragt nach ihrer Zukunft, das Programm reicht von Eucken, Erhard und Müller-Armack bis zu den Bewährungsproben der Gegenwart – Notenbankunabhängigkeit, Rentendemografie, Künstliche Intelligenz, Bürokratie. Am Ende steht, so die Ankündigung, eine „kritische Bilanz“. Die Referentenliste liest sich wie eine Familienaufstellung des wirtschaftspolitischen Mainstreams: sorgfältig ausbalanciert vom ordoliberal Affirmativen über die wirtschaftsnahe Mitte bis zur verteilungspolitischen Linken. Alles ist da. Und doch fehlt etwas so vollständig, dass es niemandem auffällt.

Es fehlt die Frage, ob die Ordnung, deren Zukunft verhandelt wird, überhaupt noch die ist, für die sie gehalten wird – und ob der Betrieb, der sie verhandelt, die Kategorien besitzt, um das zu bemerken.

Das ist keine Kritik an den Beteiligten. Es sind kompetente Ökonomen, die kompetente Vorträge halten werden. Die Beobachtung zielt nicht auf Personen, sondern auf ein Format und darauf, was das Format über den Zustand seiner eigenen Voraussetzungen preisgibt.

Quelle: ChatGPT

Zwei Ordnungen des Verfalls

Wer institutionellen Verfall beschreibt, meint gewöhnlich die erste Ordnung: Straßen, die nicht instandgehalten, Verwaltungen, die nicht digitalisiert, Reformen, die nicht durchgesetzt werden. Der sichtbare, messbare, beklagbare Verfall. Über ihn wird die Kölner Vorlesung ausführlich sprechen und recht haben.

Der interessantere Verfall liegt eine Ebene höher. Jede Ordnung beobachtet sich selbst durch Institute, Gutachten, Lehrstühle, Vorlesungsreihen. Sie unterhält einen Apparat der Selbstbeschreibung, mit dem sie prüft, wie es um sie steht. Dieser Apparat arbeitet mit Kategorien: mit Begriffen davon, was als Problem gilt, was als Lösung zählt, was überhaupt zur Debatte steht. Der Verfall zweiter Ordnung ist der Verfall dieser Kategorien – der stille Moment, in dem die Selbstbeobachtung aufhört, ihre eigenen Unterscheidungen zu revidieren, und beginnt, sie zu reproduzieren.

Das Symptom ist unscheinbar, weil es sich als Normalbetrieb tarnt. Man diskutiert lebhaft, man streitet über Verdienstschwellen und Notenbankmandate, man lädt sich gegenseitig ein. Der Dissens im Korridor beweist die Vitalität und verdeckt, dass die Wände des Korridors selbst nicht mehr zur Disposition stehen. Die Rahmung „Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft“ setzt deren Fortbestand voraus; gefragt wird nach Anpassung, nicht nach Geltung. Die Ordnung erscheint als Subjekt, das verteidigt und justiert wird, nicht als Hypothese, die geprüft werden könnte. Selbst die „kritische Bilanz“ am Schluss kritisiert von innen: zu wenig sozial, zu wenig gerecht. Die Möglichkeit, dass die Konstruktion ihre Krisen selbst erzeugt, dass „sozial“ den „Markt“ strukturell aushöhlt – ein Zweifel, den Röpke und Rüstow in ihren späten Jahren durchaus kannten –, kommt im Kategoriensatz nicht mehr vor. Sie ist nicht verboten. Sie ist undenkbar geworden, weil das Format sie nicht vorsieht.

Der Mechanismus: ein Aufmerksamkeitsmarkt ohne Zensur

Man versteht diesen Verfall falsch, wenn man ihn moralisiert. Es ist kein böser Wille am Werk, keine Verschwörung der Gefälligen, keine bewusste Ausgrenzung des Unbequemen. Es ist ein Anreizmechanismus und gerade das macht ihn robust.

Der Wissenschaftsbetrieb ist, was seine öffentliche Seite betrifft, ein Aufmerksamkeitsmarkt. Ringvorlesungen, Gutachten, Talkrunden, Stiftungslectures docken an einen Politik- und Medienbetrieb an, der Sichtbarkeit verspricht. Sichtbarkeit ist die Währung. Und Aufmerksamkeitsmärkte selektieren nicht nach Wahrheit, sondern nach Anschlussfähigkeit. Wer eingeladen wird, wer zitiert, wer ins Jahresgutachten oder in die Abendsendung gebeten wird, ist nicht der mit der tiefsten, sondern der mit der kompatibelsten Position – jener, die sich an den bestehenden Diskurs andocken lässt, ohne ihn zu sprengen.

Das ist Public Choice, angewandt auf den Ideenmarkt. So wie politische Akteure nicht das Gemeinwohl, sondern Wiederwahl maximieren, maximieren die Akteure des Deutungsbetriebs nicht Erkenntnis, sondern Resonanz. Der Effekt ist eine Konformität ohne Zensur: Niemand muss den Prämissenbrecher ausladen: Er lädt sich selbst aus, indem er unanschlussfähig bleibt. Der Druck zur Verengung wirkt als Sog, nicht als Verbot, und er wird deshalb als Freiheit erlebt. Man wählt ja frei, worüber man spricht. Man merkt nur nicht mehr, dass die Menge des Wählbaren geschrumpft ist.

Wie dieser Sog aussieht, zeigt eine Dramaturgie, die man auf einschlägigen Konferenzen des wirtschaftsliberalen Milieus in Variationen wiederfindet. Zuerst treten die Amtsträger auf – ein Kanzler, ein Minister, eine Kommissarin. Das Foyer ist voll, die Kameras laufen, die Sätze sind anschlussfähig. Dann, wenn die Prominenz abgereist ist, folgt das Fachpanel: die eigentliche Auseinandersetzung, besetzt mit etablierten, häufig emeritierten Köpfen, vor gelichteten Reihen.

Die zeitliche Ordnung verrät die Werteordnung. Die Aufmerksamkeit kommt zuerst, weil sie der Zweck ist; das Argument kommt zuletzt, weil es der Vorwand ist. Und die Besetzung des Panels folgt derselben Selektion nach Kompatibilität: nicht die riskanten, prämissenbrechenden Stimmen, sondern die bewährten, deren Streitbarkeit sich im Betrieb längst als verträglich erwiesen hat. Der Aufmerksamkeitsmarkt zeigt sich eben nicht nur darin, wer eingeladen wird, sondern wann.

Eine besondere Ironie liegt darin, dass sich solche Veranstalter oft auf jene Denker berufen, deren Werk vom Gegenteil handelt: vom Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, vom verstreuten Wissen, das keine zentrale Instanz versammeln kann. Der Name des offenen Geistes wird zur Marke, die ein geschlossenes Format trägt. Nichts wird entdeckt; es wird bestätigt.

Die Pointe: Die Verengung ist freiwillig, und ihre Freiwilligkeit ist ihre stärkste Tarnung. Ein zensierter Diskurs weiß um seine Grenzen und spürt sie als Zwang. Ein selbstselektierter Diskurs hält seine Grenzen für den Horizont.

Euckens Einsicht, ins Epistemische gewendet

Walter Euckens ordnungspolitisches Grundmotiv lässt sich verallgemeinern: Ordnungen zehren von Voraussetzungen, die sie nicht selbst erzeugen und im Betrieb verbrauchen können. Der Markt braucht Wettbewerb, den er ohne Rahmen zerstört; die Demokratie braucht Tugenden, die sie nicht dekretieren kann.

Dasselbe gilt für die Selbstbeobachtung einer Ordnung. Sie zehrt von einer Voraussetzung, die sie nicht garantieren kann: von der Fähigkeit und Bereitschaft, die eigenen Prämissen als revidierbar zu behandeln. Diese Fähigkeit ist keine Ressource, die sich von selbst erneuert. Sie wird verbraucht durch Routine, durch Erfolg, durch die schiere Dauer eines Konsenses, der sich mit jedem Jubiläum tiefer einschleift. Fünfundsiebzig Jahre Soziale Marktwirtschaft sind ein Grund zu feiern und eine Gefahr für das Denken zugleich: Je länger eine Ordnung besteht, desto selbstverständlicher wird sie, und desto weniger Werkzeuge hält der Betrieb bereit, um sie noch als kontingent zu erkennen.

Hier drängt sich ein Bild auf, das man sparsam verwenden sollte, weil es sonst kokett wird. Der Jedi-Orden der Star Wars-Prequels geht nicht an einem äußeren Feind zugrunde, sondern an der eigenen Sklerose: dogmatisch, selbstgewiss, ritualisiert, blind für die eigene Kompromittierung. Die Hüter haben aufgehört zu hüten und angefangen zu verwalten. Der Unterschied zu unserem Fall ist allerdings lehrreich: Die Jedi wussten nichts von ihrem Verfall. Der Deutungsbetrieb hingegen weiß es und will es nicht wissen – ein feiner, aber entscheidender Unterschied zwischen Sklerose und Verdrängung. Die zweite ist die gefährlichere, weil sie mit vollem Bewusstsein der eigenen Souveränität operiert.

Was der Fall zeigt und was nicht

Eine einzelne Ringvorlesung beweist nichts. Sie ist ein schwaches Datum, und man täte ihr Unrecht, sie zum Kronzeugen eines Systemverfalls zu machen. Sie illustriert und das ist ihr ganzer Wert für die Diagnose. Erst als Typus trägt der Befund: die Jubiläumsvergewisserung als Genre, wiederkehrend über viele Anlässe, Institute, Länder hinweg. Der Kölner Fall ist eine Sonde, nicht ein Beweis.

Was er zeigt, ist dies: Der Betrieb, der die Zukunftsfestigkeit einer Ordnung prüfen soll, reproduziert die Ordnung, deren Prüfung er vorgibt. Das Format ist die Botschaft. Nicht was diskutiert wird, sondern dass der Diskursrahmen die eigene Ordnung als gegeben setzt, ist das Symptom und damit die Unfähigkeit, die konstitutiven Prämissen noch als revidierbar zu behandeln.

Das ist die genaue Umkehrung des liberalen Ideals. Eine offene Ordnung ist fehlerfreundlich, weil sie ihre eigenen Grundlagen zur Disposition stellt; sie lebt von der Bereitschaft, sich selbst zu widerlegen. Eine Ordnung, die sich nur noch bestätigt, hat diesen Kern verloren lange bevor die erste Straße bröckelt. Der Verfall zweiter Ordnung geht dem der ersten voraus. Er ist kein Einbruch, sondern eine Gewohnheit – und die Vorlesung ist nicht sein Beginn, sondern einer seiner Jahrestage.