Schlagwort-Archiv:Institutionen

Ordnung oder Steuerung? Eine Handreichung

Eine Leserin schreibt zu meinem Beitrag über die Ordnung des Waldes: Wo liege eigentlich der genaue Unterschied zwischen Ordnung und Steuerung in der Wirtschaftspolitik — und welche Gesetze seien definitiv ordnend, welche steuernd? Die Frage ist klüger, als ihre bescheidene Einleitung vermuten lässt. Sie zeigt, dass das Denken in Ordnungen selbst gebildeten Lesern abhandengekommen ist. Und sie ist ein idealer Anlass, wesentliches Vokabular wieder zu erläutern, was man gerade heute immer wieder tun darf.

Ordnung ist das Regelgefüge, innerhalb dessen wir unsere Handlungen aufeinander abstimmen. Sie bezieht sich auf Regeln, nicht auf Ergebnisse. Eine geordnete Wirtschaft ist nicht eine, in der bestimmte Resultate herauskommen, sondern eine, in der verlässliche Formen gelten, innerhalb deren sich Millionen unabhängiger Pläne koordinieren. Die staatlich verantwortete Teilmenge dieser Ordnung ist die Rahmenordnung: Eigentum, Vertrag, Haftung, Wettbewerbsrecht, eine stabile Geldverfassung. Der Rahmen ist gestaltet, das Bild, das in ihm entsteht, nicht.

Entscheidend ist, woher diese Ordnung stammt: Sie beginnt nicht mit dem Staat. Koordiniertes Handeln ruht zunächst auf Konventionen — gewachsenen Regelmäßigkeiten wie Geld, Vertragstreue, Vertrauen, die niemand entworfen hat und die tragen, weil Abweichung sich nicht lohnt. Verfestigen sie sich, werden sie zu Institutionen, den stabilen Spielregeln des Zusammenlebens. Der Staat setzt seinen Rahmen also nie ins Leere: Er sichert überwiegend Gewachsenes, er erschafft es selten. Wer meint, ohne staatliche Steuerung zerfalle die Wirtschaft ins Chaos, verkennt, dass ihr Zusammenhalt älter ist als jedes Gesetz.

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Der liberale Generalstab, wiedergelesen

Vorspann 2026 zu einem Text von 2016

Der folgende Text war eine Dinner Speech, gehalten am Vorabend der XII. Gottfried-von-Haberler-Konferenz in Liechtenstein im Mai 2016 – in der etwas kompakteren Fassung, die dem Anlass streng genommen allerdings noch zu lang war, mit dem inhaltlich verantwortlichen Veranstalter aber abgestimmt. Geschrieben unter dem Eindruck einer damals empfundenen Zersplitterung liberaler Kräfte, die sich seither eher vertieft als gemildert hat. Ich stelle ihn hier wieder ein, weil sein Kern über die Jahre nicht verblasst, sondern schärfer geworden ist und weil er, im Licht meiner jüngeren Arbeit gelesen, mehr enthält, als ich 2016 selbst ausgeführt habe.

Die Grundfigur ist die des preußischen Generalstabs als Ordnungsidee: eine Institution, die, mit Trevor Dupuys Formel, nicht vom zufälligen Erscheinen großer Führerpersönlichkeiten abhing, weil sie große Führer selbst hervorbrachte. Das ist, in militärhistorischem Gewand, exakt der Gedanke, den ich vor kurzem in einer Korrespondenz zum Atomausstieg auf eine knappe Form gebracht habe: Eine gute Ordnung erspart Helden. Sie macht das Gelingen unabhängig vom Glücksfall der begnadeten Einzelperson, indem sie die Bedingungen institutionalisiert, unter denen Tüchtigkeit entsteht und sich vermehrt – Ausbildung, Auslese, gemeinsame Methode, das fortgeschriebene Handbuch, die Manöverkritik.

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Warum Deutschlands Lage kein Politikversagen ist — Teil II: Wer gewinnt?

Der erste Teil dieser Überlegung hat eine unbequeme These vertreten: Deutschlands wirtschaftliche Abwärtsbewegung ist kein Versagen. Sie ist das erwartbare Ergebnis einer Ordnung, die genau das produziert, was sie produziert. Der Vorwurf des Versagens setzt voraus, dass jemand etwas anderes wollte und daran scheiterte. Der Befund war der umgekehrte: Es funktioniert, nur eben nicht in Richtung Wohlstand.

Diese These hat eine Schwäche, und ich habe sie im ersten Teil nicht ausgeräumt. Wer sagt „kein Versagen, sondern Systemlogik“, der spricht implizit alle Beteiligten frei. Aus „niemand ist schuld” wird „es lag an der Struktur“, und die Struktur ist bekanntlich niemand. Das ist bequem, und es ist unvollständig. Denn eine Ordnung besteht aus Regeln und aus Menschen, die unter diesen Regeln handeln, sie schreiben, sie nutzen. Wer nur den Mechanismus zeigt, macht aus einer Analyse eine Entlastung.

Dieser zweite Teil fragt deshalb nach der anderen Seite. Nicht: Wer hat versagt? Sondern: Wie kann eine Ordnung so gebaut sein, dass niemand entscheiden muss und das Ergebnis dennoch feststeht? Der Fall, an dem sich das zeigen lässt, ist die deutsche Kernenergiepolitik — und er führt an einen Ort, den ich selbst nicht erwartet hatte.

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Warum Deutschlands Lage kein Politikversagen ist

Vier Schleifen, keine Bremse

Norbert Tofall hat in seinem jüngsten Kommentar für das Flossbach von Storch Research Institute ein Argument formuliert, das in der deutschen Haushaltsdebatte zu selten vorkommt: Deutschlands relative Solidität ist nicht nur ein nationaler Vorzug, sondern die Geschäftsgrundlage der europäischen Währungsordnung. Sie ist das Collateral, das die Erwartung trägt, im Ernstfall werde jemand haften. Wer die Schuldenbremse schleift, schwächt nicht primär den eigenen Haushalt, sondern zieht die Sicherheit ab, auf der die Preisbildung für europäische Staatsanleihen ruht. Norbert Tofall belegt das sauber, historisch grundiert, mit Ferguson’s Law als Schwellenmarke: Wo der Schuldendienst die Verteidigungsausgaben übersteigt, endet Großmachtfähigkeit.

Der Befund trägt. Ich möchte ihn um eine Frage ergänzen, die er nahelegt, aber nicht selbst stellt.

Norbert Tofall fragt implizit: Warum priorisiert die Politik nicht? Warum wird der Sozialetat nicht angetastet? Das sind Fragen an Akteure, und sie sind berechtigt. Die zweite Frage lautet: Warum erscheint die Schuldenpolitik alternativlos, und zwar unabhängig davon, wer regiert?

Die entscheidende Diagnoseebene

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Grauwerte

Zur Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte im Nationalsozialismus – eine ordnungsökonomische Neubetrachtung

Wer in der Aprilausgabe 2026 der sehepunkte das Forum Unternehmen und Nationalsozialismus liest, begegnet einem eigentümlichen Gemisch. Neun Rezensionen zu ebenso vielen Unternehmensstudien, geordnet von einer programmatischen Einleitung, die mit einer Pressegeschichte eröffnet – dem Satz der Konzernerbin Verena Bahlsen, man habe sich 1933 bis 1945 „nichts zuschulden kommen lassen“. Der Leser wird so zur Lektüre eingestimmt: mit Empörung als Gefühl und mit moralischer Positionsbestimmung als Grundton.

Die Rezensionen selbst liefern dann ein anderes Bild. Einige bedienen den Grundton, etwa die Besprechung des Bahlsen-Bandes mit der Formulierung, ein Unternehmen, das Zwangsarbeiter beschäftigte, habe sich „widersinnig“ von aller Schuld freisprechen wollen. Andere – die überwiegende Mehrheit – arbeiten differenziert, mikroökonomisch präzise und ohne katechetische Gesten. Andrea Schneider-Braunbergers Miele-Studie wird als Lehrbuchfall differenzierender Unternehmensgeschichte gewürdigt; Paul Erkers Benckiser-Monographie wird empirisch genau geprüft; Manfred Griegers Südzucker-Band wird an seiner analytischen Schwäche gemessen und in die von Tim Schanetzky formulierte Kritik an der Auftragsforschung eingeordnet; Karlsch und Griegers DEA-Studie wird daran gemessen, ob sie über Deskription hinaus zur Analyse vorstößt.

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Der Stamm braucht keinen besseren Häuptling – er braucht neuen Boden

Wer dieser Tage politische Debatten verfolgt, hört eine Forderung mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit: Wir brauchen bessere Politiker. Kompetentere. Mutigere. Solche, die endlich liefern. Die Diagnose ist simpel, die Erwartung klar – und die Logik dahinter so alt wie das erste Lagerfeuer.

Der Stamm braucht einen besseren Häuptling. Das ist intuitiv. Das ist menschlich. Und es ist analytisch wertlos.

Das Paradox

Schauen wir genauer hin: Die Politiker, über die geklagt wird, wurden gewählt. Von denselben Menschen, die jetzt klagen. Sie sind keine Fremdkörper im System, sie sind sein Produkt. Sie wurden selektiert durch Parteiapparate, die Loyalität belohnen und Eigensinn bestrafen. Sie wurden gefiltert durch eine politische Kultur, in der Risikovermeidung rationaler ist als Gestaltungsanspruch. Sie kommunizieren das, was Mehrheiten hören wollen, weil das funktioniert.

Warum sollte die nächste Generation anders sein?

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Reformunfähigkeit als Systemeigenschaft

Warum substanzielle Reformen in Deutschland strukturell blockiert sind

In der deutschen Wirtschaftsdebatte kehrt eine Hoffnung mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit wieder: Wenn nur die richtigen Politiker an der Macht wären, wenn nur der politische Wille vorhanden wäre, wenn nur die Koalitionsarithmetik stimmte – dann ließe sich das Land reformieren. Diese Hoffnung ist verständlich. Sie ist auch analytisch nicht haltbar.

Deutschlands Reformunfähigkeit ist keine Frage des Personals. Sie ist eine Systemeigenschaft – das Ergebnis einer institutionellen Architektur, die Reformen strukturell verhindert, unabhängig davon, wer gerade regiert.

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Eigentum als Ordnung – nicht als Privileg

Die Diskussion um das Privateigentum hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschoben. Was lange als selbstverständlicher Bestandteil der marktwirtschaftlichen Ordnung galt, wird heute zunehmend als politisch disponibler Faktor behandelt: als verhandelbares Gut, als moralisch zu rechtfertigender Besitz, als sozial zu konditionierende Ressource. Eigentum erscheint nicht mehr als Ordnungsprinzip, sondern als Problemfall – je nach Größe, Herkunft oder Verwendung.

Diese Verschiebung wird häufig als Detailfrage verkannt. Es gehe, so heißt es, um Wohnraum, um Vermögenskonzentration, um soziale Gerechtigkeit oder um fiskalische Fairness. Tatsächlich aber steht weit mehr auf dem Spiel. Wer das Privateigentum relativiert, greift nicht einzelne Besitzstände an, sondern das institutionelle Fundament der Marktwirtschaft selbst – und damit zugleich eine zentrale Voraussetzung der freien Gesellschaft.

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Kriegswirtschaft als Denkfehler

Eine ordnungspolitische Klarstellung

Der Begriff „Kriegswirtschaft“ erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Spätestens seit der russischen Invasion in der Ukraine und der offen strategischen Neuorientierung Chinas wird er genutzt, um einen grundlegenden geopolitischen Bruch zu beschreiben. Auch Daniel Stelter greift diese Deutung auf – unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Thesen von David Baverez.

Die geopolitische Diagnose mag in Teilen zutreffen. Ordnungspolitisch jedoch ist die Rede von der „Kriegswirtschaft“ hochproblematisch – und zwar nicht nur semantisch, sondern institutionell.

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Der stille Verfall von Institutionen

Jasay’s Garden 2026 – Muster, Mechanismen und Grenzen institutioneller Ordnung

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Jasay’s Garden widmet sich 2026 einem Thema, das selten laut verhandelt wird – und doch allgegenwärtig ist: dem Verfall von Institutionen.

Institutionen sind die unscheinbaren Träger moderner Ordnung. Sie strukturieren Erwartungen, begrenzen Macht, ermöglichen Kooperation und schaffen Verlässlichkeit über persönliche Beziehungen hinaus. Gerade deshalb werden sie meist erst dann wahrgenommen, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Der Verfall von Institutionen vollzieht sich selten spektakulär. Er geschieht schleichend: durch Überlastung, durch Regelanhäufung, durch Machtverschiebungen, durch Selbstreferenz. Oft bleibt er lange unsichtbar, weil Institutionen auch im Verfall noch arbeiten – nur schlechter, träger, widersprüchlicher.

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