Eine Leserin schreibt zu meinem Beitrag über die Ordnung des Waldes: Wo liege eigentlich der genaue Unterschied zwischen Ordnung und Steuerung in der Wirtschaftspolitik — und welche Gesetze seien definitiv ordnend, welche steuernd? Die Frage ist klüger, als ihre bescheidene Einleitung vermuten lässt. Sie zeigt, dass das Denken in Ordnungen selbst gebildeten Lesern abhandengekommen ist. Und sie ist ein idealer Anlass, wesentliches Vokabular wieder zu erläutern, was man gerade heute immer wieder tun darf.
Ordnung ist das Regelgefüge, innerhalb dessen wir unsere Handlungen aufeinander abstimmen. Sie bezieht sich auf Regeln, nicht auf Ergebnisse. Eine geordnete Wirtschaft ist nicht eine, in der bestimmte Resultate herauskommen, sondern eine, in der verlässliche Formen gelten, innerhalb deren sich Millionen unabhängiger Pläne koordinieren. Die staatlich verantwortete Teilmenge dieser Ordnung ist die Rahmenordnung: Eigentum, Vertrag, Haftung, Wettbewerbsrecht, eine stabile Geldverfassung. Der Rahmen ist gestaltet, das Bild, das in ihm entsteht, nicht.
Entscheidend ist, woher diese Ordnung stammt: Sie beginnt nicht mit dem Staat. Koordiniertes Handeln ruht zunächst auf Konventionen — gewachsenen Regelmäßigkeiten wie Geld, Vertragstreue, Vertrauen, die niemand entworfen hat und die tragen, weil Abweichung sich nicht lohnt. Verfestigen sie sich, werden sie zu Institutionen, den stabilen Spielregeln des Zusammenlebens. Der Staat setzt seinen Rahmen also nie ins Leere: Er sichert überwiegend Gewachsenes, er erschafft es selten. Wer meint, ohne staatliche Steuerung zerfalle die Wirtschaft ins Chaos, verkennt, dass ihr Zusammenhalt älter ist als jedes Gesetz.

Wer in der Aprilausgabe 2026 der sehepunkte das Forum Unternehmen und Nationalsozialismus liest, begegnet einem eigentümlichen Gemisch. Neun Rezensionen zu ebenso vielen Unternehmensstudien, geordnet von einer programmatischen Einleitung, die mit einer Pressegeschichte eröffnet – dem Satz der Konzernerbin Verena Bahlsen, man habe sich 1933 bis 1945 „nichts zuschulden kommen lassen“. Der Leser wird so zur Lektüre eingestimmt: mit Empörung als Gefühl und mit moralischer Positionsbestimmung als Grundton.


