Paul Cantor, langjähriger Anglist in Virginia und – das ist die biographische Pointe – einst Schüler von Ludwig von Mises, hat einen lesenswerten Essay hinterlassen: eine Lektüre von Thomas Manns Erzählung Unordnung und frühes Leid (1925) im Licht der österreichischen Inflationstheorie. Manns Geschichte spielt in der Weimarer Hyperinflation, und Cantor zeigt textnah, wie sich die Misessche Analyse in der Alltagswirklichkeit niederschlägt: die Flucht in Sachwerte, die rationierten Eier, der Verfall der Substanz zugunsten des Ersatzes, die Verkürzung der Zeitpräferenz, der Autoritätsverlust der Alten gegenüber den anpassungsfähigeren Jungen. Inflation zerfrisst, so Cantors These, mehr als die Geldbörse – sie zersetzt den Wirklichkeitssinn selbst. Geldentwertung als Realitätsentwertung: „Hyperinflation und Hyperrealität“.
Das ist originell und in den besten Passagen brillant. Es ist zugleich, das sei offen gesagt, weitschweifig und ein wenig undiszipliniert. Der eigentliche Ertrag wäre nach zwei Dritteln erreicht; der Bogen von Manns Erzählung über Magritte bis zu Foucault und Derrida ist geistreich, aber überdehnt, und der kämpferische Rahmen – Marxismus als Pensionärsheim abgewirtschafteter Theoretiker – altert nicht gut. Wer den Text liest, sollte ihn als Sprungbrett nehmen, nicht als letztes Wort.
Der Hayek-Kontext
Denn der Sprung lohnt. Cantors Unternehmen steht in einer Linie, die Friedrich August von Hayek mit dem Sammelband Capitalism and the Historians (1954) eröffnet hat. Hayeks Frage war: Wie sehen und lernen wir die Welt? Nicht primär aus eigener Anschauung, sondern durch die uns überlieferten Deutungen – durch die Geschichtsschreibung. Der antikapitalistische Reflex der Moderne, so Hayeks Befund, ist weniger ein Resultat der Tatsachen als ihrer Erzählung: Die Historiker der Industrialisierung haben ein Bild geprägt, das längst als Vorurteil weiterwirkt, als die Empirie es schon korrigiert hat. Was Hayek der Geschichtsschreibung nachsagt, gilt für die Literatur erst recht. Der Roman, das Theater, der Film formen unser Vorverständnis der wirtschaftlichen Welt tiefer als jedes Lehrbuch – meist zuungunsten des Marktes, des Unternehmers, der bürgerlichen Tugenden. Cantor wendet diese Einsicht von der Historie auf die Literatur. Das ist sein bleibendes Verdienst.
Eine liberale Alternative – unterentwickelt, aber vorhanden
Die schlechte Nachricht: Eine liberale Deutung der Literatur ist nach wie vor unterentwickelt. Das Feld wird, mit Hayeks Wort, weitgehend dem Gegner überlassen. Die gute Nachricht: Es gibt sie, in Ansätzen, und sie ist sammelbar.
Den Grundstein legt der von Cantor und Stephen Cox herausgegebene Band Literature and the Economics of Liberty. Spontaneous Order in Culture (Mises Institute, 2009) – ökonomische Literaturkritik vom Marktstandpunkt, mit Essays zu Gaskell, Ben Jonson, H. G. Wells und Cervantes. Cantor selbst hat das Verfahren auf die Populärkultur ausgedehnt (The Invisible Hand in Popular Culture, 2012; Pop Culture and the Dark Side of the American Dream, 2019), und Matt Spivey hat es jüngst fortgeschrieben (Re-reading Economics in Literature, 2021). Theoretisch im Hintergrund steht, polemischer und karger, Mises‘ eigenes Kapitel über Literatur und Theater in The Anti-Capitalistic Mentality (1956): die Soziologie des literarischen Ressentiments gegen den Markt.
Wer speziell zur Weimarer Inflation weiterlesen will, dem seien zwei Gegengewichte zu Cantors Zuspitzung empfohlen: Gerald Feldmans historiographisches Standardwerk The Great Disorder (1993) und vor allem Bernd Widdigs Culture and Inflation in Weimar Germany (2001) – das disziplinierte akademische Pendant, das Cantors Suggestion mit kulturwissenschaftlichem Apparat unterfüttert.
Für den Film schließlich verweise ich in eigener Sache auf meine Reihe The Standards II – Filme aus der Freiheitsperspektive betrachtet. Denn was Cantor für die Erzählung leistet, ist für das Kino – die kinetische Kunst des Inflationszeitalters, wie er selbst bemerkt – noch dringender nachzuholen.
Das eigentliche Problem ist größer
Hier aber endet Cantor zu früh, und hier beginnt das, was mich an der Sache reizt. Cantor liest Mann durch die Misessche Brille: Inflation als Wertillusion, als Auflösung der Referenz zwischen Geld und Gut. Das ist richtig, aber es bleibt auf halbem Weg stehen. Die schärfere Optik ist die ordnungstheoretische. Bei Walter Eucken ist Geldwertstabilität kein bloßer Parameter, sondern ein konstituierendes Prinzip der Wettbewerbsordnung. Inflation zerstört dann nicht nur den Wirklichkeitssinn der Einzelnen – sie zersetzt eine Ordnung. Was Cantor als „Realitätsverlust“ beschreibt, ist genauer gefasst ein Vertrauensverlust, und Vertrauensverlust ist das verlässlichste Signal des Ordnungszerfalls. Manns Erzählung wird so vom Inflationsporträt zur Studie über den Verfall einer Ordnung: nicht ein Wert geht verloren, sondern der Rahmen, der Werten überhaupt Halt gibt – Hierarchie, Autorität, Maß, schließlich die Unterscheidung von echt und falsch. Das ist die Brücke, die von Hayeks Geschichtsschreibung über Cantors Literatur zur Ordnungsökonomik führt. Keiner der Genannten hat sie gebaut.
Schluss
Cantors Essay ist trotz seiner Mängel ein Glücksfall: ein Beweis, dass sich Literatur ökonomisch und doch nicht marxistisch lesen lässt. Doch der eigentliche Gewinn liegt jenseits der österreichischen Pointe. Wer Mann ordnungstheoretisch liest, gewinnt mehr als eine Inflationsgeschichte – er gewinnt eine Anschauung davon, wie eine Ordnung von innen ausgehöhlt wird und wie die Menschen das erleben, lange bevor sie es begreifen. Genau dafür brauchen wir die Literatur: Die Statistik sagt, was die Vielen tun; die Erzählung zeigt, wie es sich anfühlt, wenn der Boden unter den Füßen schwankt. Es wäre an der Zeit, dass die Freunde der Freiheit dieses Feld nicht länger dem Gegner überlassen.
