Paul Cantor, langjähriger Anglist in Virginia und – das ist die biographische Pointe – einst Schüler von Ludwig von Mises, hat einen lesenswerten Essay hinterlassen: eine Lektüre von Thomas Manns Erzählung Unordnung und frühes Leid (1925) im Licht der österreichischen Inflationstheorie. Manns Geschichte spielt in der Weimarer Hyperinflation, und Cantor zeigt textnah, wie sich die Misessche Analyse in der Alltagswirklichkeit niederschlägt: die Flucht in Sachwerte, die rationierten Eier, der Verfall der Substanz zugunsten des Ersatzes, die Verkürzung der Zeitpräferenz, der Autoritätsverlust der Alten gegenüber den anpassungsfähigeren Jungen. Inflation zerfrisst, so Cantors These, mehr als die Geldbörse – sie zersetzt den Wirklichkeitssinn selbst. Geldentwertung als Realitätsentwertung: „Hyperinflation und Hyperrealität“.
Das ist originell und in den besten Passagen brillant. Es ist zugleich, das sei offen gesagt, weitschweifig und ein wenig undiszipliniert. Der eigentliche Ertrag wäre nach zwei Dritteln erreicht; der Bogen von Manns Erzählung über Magritte bis zu Foucault und Derrida ist geistreich, aber überdehnt, und der kämpferische Rahmen – Marxismus als Pensionärsheim abgewirtschafteter Theoretiker – altert nicht gut. Wer den Text liest, sollte ihn als Sprungbrett nehmen, nicht als letztes Wort.


„Solche Uffrur“ wie jener von 1525 „ist mit Tyrrani gelegt und gestillet worden„, urteilte Johannes Stumpf, ein Pfarrer im Zürcher Oberland und ein Freund des Schweizer Reformators Huldrich Zwingli. „Dan Tyrrani und Uffrur gehören zusamen, es ist Deckel und Hafen.“
Die Flucht deutscher Literaten und Intellektueller 1940 bis 1841 nach und über Marseille in eine freie Welt, vorwiegend die USA, reißt den Leser mit. Uwe Wittstock erzählt dicht und gestützt auf einen Fundus an Quellen. Die Schicksale sind ergreifend. Permanente Verfolgungsgefahr, Angst als Regime-Gegner von den Deutschen aufgegriffen zu werden, Internierung in französischen Lagern, abhängig von absurder, zuweilen perfider Bürokratie, der Willkür ausgeliefert, der Verlust von Status und bürgerlicher Existenz sowie körperliche und geistige Entbehrungen brechen über viele Literaten hinein. Sie haben die Zeichen der Zeit zu spät erkannt. Plötzlich schlägt alles um. Die Wehrmacht erobert Frankreich in rasendem Tempo. Marseille wird zum überfüllten Fluchtpunkt.