Blut ohne Boden. Über eine respektlose Antike

Michael Sommer und Stefan von der Lahr haben ein Buch geschrieben, das man leicht unterschätzt und ebenso leicht überfordert. Die verdammt blutige Geschichte der Antike will die 1200 Jahre von Troja bis zum Fall Roms als das erzählen, was sie neben allem anderen auch waren: eine Abfolge von Gewalt, en gros und en detail. Das Programm steht im Untertitel — „ohne den ganzen langweiligen Kram“ —, und man sollte es beim Wort nehmen. Wer ein analytisches Buch erwartet, liest das falsche. Wer ein unterhaltsames sucht, das eine zählebige Illusion zertrümmert, ist richtig.

Denn das ist die eigentliche Leistung, und sie ist keine kleine. Das Buch betreibt die Herabsetzung der großen Männer mit sichtlichem Vergnügen — und trifft damit nicht die Männer, sondern die ex post wirksame Idealisierung, die sich um sie gelegt hat. Achill, Alexander, Caesar: Namen, die im kulturellen Gedächtnis wie Tugendträger firmieren, werden hier zurückübersetzt in das, was sie im Kern betrieben — organisiertes Töten. Diese Entmystifizierung ist nicht wohlfeil, weil die Idealisierung real fortwirkt; sie zu zermürben, unterhaltsam und beharrlich, ist verdienstvoll. Ihr schönstes Beispiel: die römische Republik weiter Teile des 3. und 2. Jahrhunderts als Verbrechersyndikat. Das ist zugespitzt, aber es ist nicht falsch, und in der Zuspitzung liegt der ganze Charme des Verfahrens — es zwingt den Leser, eine vertraute Größe neu zu sehen.

Und der Ton trägt diese Absicht. Die salopp-jugendliche Sprache, in der sich das Idiom verschiedener Jahrzehnte mischt, ist kein Makel, sondern Kalkül: Sie ist andockfähig für ein Publikum, das die Antike sonst als Vitrinenstoff abtut. Wem an Vermittlung liegt, der wird hier nicht die Nase rümpfen.

Was das Buch nicht liefert, ergibt sich aus demselben Verfahren. Es entmystifiziert, aber es erklärt nicht. Der Leser lernt über die Gewalt als Gewalt nichts, was er nach hundert Seiten nicht schon wüsste — und hier zeigt sich die Grenze des episodischen Erzählens. Es ist additiv: Szene, Pointe, nächste Szene. Bei wenigen Fällen reizvoll, wird es über 1200 Jahre zum Muster. Spätestens nach Augustus ermüdet es; immer neue Namen, immer neue Todesarten. Geschichte gerinnt zum Mahlstrom, in dem das eigentlich Bedeutsame — das aufkommende Christentum, eine Hyperinflation — nur als Bröckchen treibt. Dem Verfahren fehlt die Gewichtung: Wo alles Episode ist, wiegt nichts mehr schwer. Die Autoren spüren das und kürzen, aber Kürzen behebt keinen Strukturmangel.

Damit steht die Kritik, die über den Geschmack hinausgeht. Das Buch schließt misanthropisch: all hope is lost. Es ersetzt einen Mythos, das Idyll, durch einen Gegenmythos, das durchgehende Gemetzel — und nimmt damit die eigene Gewaltgeschichte nicht ernst genug. Denn nicht alles ging immer im Blutbad unter. Hier und da funktionierte etwas, und die interessante Frage ist das weil. Wer Gewalt verstehen will, muss auch ihre Aussetzer erklären, ihre Ordnungsinseln. Der Misanthrop erklärt nichts, er konstatiert — und das ist analytisch faul, auf dem eigenen Terrain des Buches.

Hier liegt auch der Schlüssel zu einem Motiv, das die Autoren streifen: dass man aus der Geschichte nicht lerne. Das stimmt und stimmt nicht. Lernen setzte eine neutrale Instanz voraus, die eine proportionierliche Bildung der Kräfte betriebe — aber das wäre ein Wesen, und die Geschichte hat kein Wesen. Sie ist ein Ringen, wenn man nur ein Wort will. Nicht das Nicht-Lernen ist das Rätsel, sondern die falsche Erwartung an eine Instanz, die es nicht gibt.

Daraus ergibt sich, was dem Buch fehlt und leicht zu haben gewesen wäre: ein kompaktes Schlusskapitel, das mit dem Ton bricht. Kein Lehrbuch, keine Fußnoten — nur ein Registerwechsel, der signalisiert, dass jetzt gedacht statt aufgezählt wird. Es müsste das Erzählte nicht fortsetzen, sondern rückblickend gewichten, substanziellere Erklärungen anreißen und zum Nachdenken anstoßen. Ein solches Kapitel zöge die fehlende Denkebene ein, bräche die misanthropische Schließung auf und gäbe den 280 Seiten davor nachträglich einen Zielpunkt. Es wäre der Unterschied zwischen frech und leer.

So bleibt ein Buch, das sein selbstgestecktes Ziel unterhaltsam erreicht und an seinem Gegenstand doch etwas schuldig bleibt. Man liest es mit Gewinn und legt es mit dem Wunsch aus der Hand, die Autoren hätten am Ende einmal innegehalten. Lesenswert — für den Reiz der Zertrümmerung, nicht für die Einsicht danach.