Schlagwort-Archiv:politische Ökonomie

Warum Deutschlands Lage kein Politikversagen ist — Teil II: Wer gewinnt?

Der erste Teil dieser Überlegung hat eine unbequeme These vertreten: Deutschlands wirtschaftliche Abwärtsbewegung ist kein Versagen. Sie ist das erwartbare Ergebnis einer Ordnung, die genau das produziert, was sie produziert. Der Vorwurf des Versagens setzt voraus, dass jemand etwas anderes wollte und daran scheiterte. Der Befund war der umgekehrte: Es funktioniert, nur eben nicht in Richtung Wohlstand.

Diese These hat eine Schwäche, und ich habe sie im ersten Teil nicht ausgeräumt. Wer sagt „kein Versagen, sondern Systemlogik“, der spricht implizit alle Beteiligten frei. Aus „niemand ist schuld” wird „es lag an der Struktur“, und die Struktur ist bekanntlich niemand. Das ist bequem, und es ist unvollständig. Denn eine Ordnung besteht aus Regeln und aus Menschen, die unter diesen Regeln handeln, sie schreiben, sie nutzen. Wer nur den Mechanismus zeigt, macht aus einer Analyse eine Entlastung.

Dieser zweite Teil fragt deshalb nach der anderen Seite. Nicht: Wer hat versagt? Sondern: Wie kann eine Ordnung so gebaut sein, dass niemand entscheiden muss und das Ergebnis dennoch feststeht? Der Fall, an dem sich das zeigen lässt, ist die deutsche Kernenergiepolitik — und er führt an einen Ort, den ich selbst nicht erwartet hatte.

Weiterlesen →

Warum Deutschlands Lage kein Politikversagen ist

Vier Schleifen, keine Bremse

Norbert Tofall hat in seinem jüngsten Kommentar für das Flossbach von Storch Research Institute ein Argument formuliert, das in der deutschen Haushaltsdebatte zu selten vorkommt: Deutschlands relative Solidität ist nicht nur ein nationaler Vorzug, sondern die Geschäftsgrundlage der europäischen Währungsordnung. Sie ist das Collateral, das die Erwartung trägt, im Ernstfall werde jemand haften. Wer die Schuldenbremse schleift, schwächt nicht primär den eigenen Haushalt, sondern zieht die Sicherheit ab, auf der die Preisbildung für europäische Staatsanleihen ruht. Norbert Tofall belegt das sauber, historisch grundiert, mit Ferguson’s Law als Schwellenmarke: Wo der Schuldendienst die Verteidigungsausgaben übersteigt, endet Großmachtfähigkeit.

Der Befund trägt. Ich möchte ihn um eine Frage ergänzen, die er nahelegt, aber nicht selbst stellt.

Norbert Tofall fragt implizit: Warum priorisiert die Politik nicht? Warum wird der Sozialetat nicht angetastet? Das sind Fragen an Akteure, und sie sind berechtigt. Die zweite Frage lautet: Warum erscheint die Schuldenpolitik alternativlos, und zwar unabhängig davon, wer regiert?

Die entscheidende Diagnoseebene

Weiterlesen →

Neu: Geld in Freiheit

Eine liberale Geldordnung für das 21. Jahrhundert

Geld wird gewöhnlich als technisches Instrument der Wirtschaftspolitik betrachtet – als Stellgröße, über die Zentralbanken Konjunktur, Beschäftigung und Preisniveau steuern sollen. Diese Vorstellung ist verbreitet, aber irreführend. Geld ist keine Variable bewusster Steuerung, sondern selbst eine Ordnungsfrage. Es koordiniert das Handeln Millionen einander unbekannter Menschen und ist damit Voraussetzung jeder funktionierenden Marktwirtschaft. Gerade darin unterscheidet sich eine freiheitliche Geldordnung grundlegend von den heutigen, politisch beherrschten Währungssystemen. Wo Diskretion, Intervention und Krisenbewirtschaftung vorherrschen, setzt eine liberale Geldordnung auf allgemeine Regeln, Haftung und Wettbewerb. Dieser Essay entfaltet die Geldfrage nicht als geldpolitisches Programm, sondern als Ordnungsproblem. Er zeigt die strukturellen Defekte des Zentralbanksystems, die Logik wettbewerblicher Geldordnungen und die technologischen Voraussetzungen ihrer Wiederkehr – und erklärt, warum freies Geld weder populär noch wahrscheinlich, aber denkbar bleibt.

Paperback

108 Seiten

ISBN-13: 9783696384524

Verlag: BoD – Books on Demand

Erscheinungsdatum: 04.06.2026

Bei BoD: Geld in Freiheit

Bei Amazon: Geld in Freiheit

Das organisierte Monopol

Warum das staatliche Geldmonopol kein Irrtum ist – und warum das den Unterschied macht

1. Eine Diagnose, die nicht wirkte

Vor fünfzig Jahren hat Friedrich August von Hayek eine Diagnose gestellt, die präziser war als fast alles, was die Geldtheorie seither hervorgebracht hat. Das staatliche Monopol über die Geldproduktion, so Hayek, ist nicht die natürliche Ordnung der Dinge, sondern eine politische Entscheidung — und eine folgenreiche. Die Instabilität der Marktwirtschaft, die man dem Markt anlastet, ist in Wahrheit die Instabilität des Geldes. Und das Geld ist instabil, weil es dem Marktprozess entzogen wurde. Die Therapie, die Hayek vorschlug, war ebenso konsequent wie folgenlos: Währungswettbewerb, konkurrierende private Emissionsbanken, Entnationalisierung des Geldes.

Fünfzig Jahre später ist die Diagnose weitgehend bestätigt. Die Therapie hat nicht gewirkt. Die Frage, die sich stellt, ist nicht, ob Hayek recht hatte — sondern warum seine Lösung nicht greift. Die Antwort liegt nicht in der Theorie, sondern in der institutionellen Logik des Gegenstands selbst.

Weiterlesen →

Organisationswirtschaft — ein dritter Idealtypus

Walter Eucken hat der ordnungstheoretischen Tradition zwei Idealtypen wirtschaftlicher Koordination hinterlassen: die Verkehrswirtschaft, koordiniert durch dezentrale Preise und Wettbewerb, und die Zentralverwaltungswirtschaft, koordiniert durch zentralen Plan. Diese Dichotomie ist analytisch klar und zugleich systematisch zu kurz gesprungen. Sie erfasst weder den faschistischen Wirtschaftstypus der Zwischenkriegszeit noch die dominante Koordinationslogik westlicher Gegenwartsökonomien. Beides sind keine Mischformen, sondern Ausprägungen eines eigenständigen dritten Typus: der Organisationswirtschaft.

Definition und Koordinationslogik

Leviathan, or the Matter, Forme, & Power of a Comm – caption: ‚Leviathan‘

Organisationswirtschaft ist politisch organisierte Koordination bei formal erhaltener privater Eigentumsordnung. Sie steuert weder durch Preissignale noch durch zentralen Plan, sondern durch administrative Einbettung, selektive Lenkung und Konformitätsdruck. Privatrechtliche Formen – Eigentum, Vertrag, Unternehmung, Kapitalmarkt – bleiben erhalten; die ökonomische Substanz wandert in politisch definierte Korridore. Märkte erscheinen, funktionieren aber innerhalb von Mandaten, Subventionsregimen, Aufsichtsstrukturen und moralisierten Compliance-Erwartungen.

Die Trennung von Eigentum und Verfügung – von Burnham 1941 als managerial revolution diagnostiziert, von Drucker (1939) und Pollock parallel beobachtet – ist konstitutiv. Wer formal besitzt, ist zweitrangig; wer faktisch entscheidet, bestimmt den Ordnungscharakter. In der Organisationswirtschaft entscheiden administrative Hierarchien, politische Mandate und konditionale Fördersysteme, nicht aber die Eigentümer in Reaktion auf Preise.

Weiterlesen →