Der Gärtner und der Planer

Es braucht die Entfernung, um die Proportionen wiederzusehen. Nach langen Reisewochen durch Wälder und an Küsten wirken die Nachrichten fast absurd, die Themen der sozialen Medien befremdlich – nicht weil sich ihr Inhalt geändert hätte, sondern weil die Fähigkeit zurückgekehrt ist, ihre Dringlichkeitssignale zu bemessen. Der Wald relativiert nicht die Inhalte. Er relativiert die Erregung, mit der sie ausgestattet sind. Denn der Wald sendet nicht. Keine Instanz will dort meine Aufmerksamkeit; die Ordnung ist da, ohne adressiert zu werden. Die Stadt, jedenfalls die mediale Schicht über ihr, kennt diese Senderlosigkeit nicht. Sie zieht Aufmerksamkeit nicht an, sie richtet sich an mich.

Das ist die erste und tragende Unterscheidung, und sie verläuft nicht zwischen Natur und Stadt, sondern zwischen senderloser und senderförmiger Ordnung.

Vor einigen Jahren habe ich Städte vor allem als Arbeitsmarktnetzwerke verstanden, mit Hayek gegen die Anmaßung der Planer und mit Alain Bertaud gegen die Illusion, komplexe Koordination lasse sich zentral entwerfen (Link FFG). Das gilt weiter. Aber die Reise hat eine zweite Ebene freigelegt, die der ökonomische Blick nicht erfasst: die sinnliche. Sie ist es, die das Empfinden trägt, und sie verdient dieselbe Ernsthaftigkeit wie das Argument.

Der Schmutz und der Lärm

Die Natur kennt keinen Schmutz. Sie kennt nur Materie in Ordnung. Schmutz ist deplatzierte Materie – ein Zivilisationsprodukt, das erst dort entsteht, wo der Mensch baut, verdichtet, verbraucht. Ein ruhiger Tag im Wald, und man muss sich nicht waschen; man kann es, aber der Körper verlangt es nicht. Ein Tag in der bewegten Stadt, und man fühlt sich schmutzig, immer wieder ohne es benennen zu können. Dazu der Lärmpegel als permanente Grundlast, die nie ganz abfällt. Das ist die sinnliche Kehrseite der Dichte, die der Ökonom zu Recht feiert und die der Körper gleichwohl quittiert.

Hier lohnt es, genau zu sein. Diese permanente Reizproduktion ist nicht nur unangenehm, sie ist ein Signal. Wo die tragenden Ordnungen verlässlich sind, muss wenig erregt werden; wo sie schwächer werden, steigt die Frequenz der Erregung, die den Ausfall überspielt. Signaldichte ist ein Ordnungsindikator. Die mediale Stadt, die mir aus der Ferne so absurd erschien, produziert Dringlichkeit gerade deshalb im Übermaß, weil das Getragene brüchiger wird. Vertrauensverlust äußert sich als Lärm. Das ist zumindest meine aktuelle Auffassung.

Die Verfallszeit der Städte

Städte haben eine Verfallszeit. Sie tragen die Signatur ihres Prägungsfensters, und je enger dieses Fenster ist – Jahrzehnte statt Jahrhunderte –, desto synchroner altern sie. Toronto und Vancouver sind in weiten Teilen Städte der siebziger und achtziger Jahre – die Wohntürme kamen en masse später; Dubai ist eine Stadt nach 2000. Solche Städte wirken, kaum dass ihr Jahrzehnt vergangen ist, veraltet, weil ein einziger Wissens- und Geschmacksstand sie ganz durchprägt hat und mit ihm ganz altert.

Emergent gewachsene Städte kennen dieses Schicksal nicht. London, Paris, Rom akkumulieren Schichten; viktorianische Substanz steht neben hochmoderner, ohne dass eine Epoche das Ganze diktiert. Ihre Zeitlosigkeit ist kein Stildekret und keine planerische Leistung, sondern das Ergebnis vieler nie zentral synchronisierter Entscheidungen. Wo eine Stadt aus einem Guss entworfen wird, altert sie aus einem Guss. Wo sie über die Zeit wächst, bleibt sie jung, weil immer ein Teil von ihr jung ist, und erhaben, weil klassischer Stil trägt.

Die Anmaßung, nicht die Menge

Man könnte daraus schließen, Konstruktion sei das Problem und je weniger geplant werde, desto besser. Das wäre falsch, und es wäre nur der Spiegel des Ökologismus: eine Planungsfeindlichkeit, die so ideologisch ist wie der Machbarkeitsglaube, den sie ablehnt. Nicht die Menge an Konstruktion macht eine Stadt problematisch, sondern die Anmaßung: Planung gegen verteiltes Wissen, auf zu langer Bindungsfrist, im zu engen Zweckkorsett. Haussmanns Paris ist massiv konstruiert und gilt gerade als gelungen, weil die Struktur breit genug angelegt war, um spätere, nicht vorgesehene Füllung aufzunehmen. Die entscheidende Variable ist nicht, ob geplant wird, sondern ob die Planung Offenheit lässt. Das ist Hayeks Wissensproblem, ästhetisch gewendet: Wo Regeln zu eng, zu anmaßend gesetzt sind, prallen die emergente Ordnung der Menschen und die konstruierte Ordnung der Verwaltung aufeinander – und die Stadt trägt den Konflikt sichtbar.

Damit stehen drei Unterscheidungen im Raum: senderlos gegen senderförmig, geschichtet gegen synchron, rahmensetzend gegen ergebnissetzend. Es sind nicht drei Beobachtungen, sondern drei Gestalten einer einzigen: ob eine Ordnung verteiltes Wissen und die Zeit aufnimmt oder sie überschreibt. Das ist dasselbe Muster, das ich andernorts als Organisationswirtschaft fasse, nämlich die schleichende Substitution emergenter Koordination durch organisierte und schließlich gelenkte. In der Stadt wird dieses Muster nicht nur ökonomisch messbar, sondern sinnlich erfahrbar. Man sieht, hört und riecht, wo es gekippt ist.

Der Gärtner

Die Auflösung ist der Gärtner. Er plant nicht das Ergebnis, sondern den Rahmen. Er gibt Raum und Ordnung und überlässt das Wachsen der Sache selbst. Er ist weder der Ökologist, dem die Natur Selbstzweck und der Mensch Störung ist, noch der Planer, der das Ganze entwerfen will. Er greift ein – ordnend, begrenzend, ermöglichend –, aber er greift nicht durch.

Denn die Natur hat keinen Selbstzweck. Sie zu nutzen ist seit je das Recht des Menschen, und es gibt kein gutes Argument dagegen; es gibt nur Übernutzung und Fehlnutzung, die den Nutzen selbst zerstören. Eben deshalb ist der Ökologismus fehl am Platz, und eben deshalb ist der Gärtner auch in der Stadt gefragt. Parks und kleine grüne Zonen sind dort kein Dekor. Sie sind Signaldämpfer: Stellen, an denen die Erregungsdichte fällt und die senderlose Ordnung in den senderförmigen Raum zurückkehrt. Mehr Natur in der Stadt tut dem Menschen gut, nicht als Rückzug aus der Zivilisation, sondern als deren Reife.

Die interesselose Schönheit

Es bleibt ein Letztes, das über den Nutzen hinausreicht. Die Natur hat keinen Selbstzweck, aber sie hat eine Schönheit, und diese Schönheit will nichts von uns. Ich habe die Wüste und sogar die reine Sandwüste erlebt – Landschaft, die dem Menschen nichts bietet, nichts verspricht, nichts abverlangt und doch von einer Schönheit ist, die den Atem nimmt. Schon in einer Schilderung der Long Range Desert Group von 1943 findet sich dieses Staunen noch im Lebensfeindlichsten. Es ist eine Schönheit, die nichts für uns will. Interesseloses Wohlgefallen im strengen Sinn.

Das ist der ästhetische Zwilling der senderlosen Ordnung. Die Natur sendet weder ihre Ordnung noch ihre Schönheit; beide sind einfach da. Die gelungene Stadt nähert sich diesem Zustand an, wo sie dem Menschen ordnenden Raum gibt, statt ihn zu impulsieren. Weniger Anmaßung, mehr Ruhe, mehr Natur – nicht als Absage an die Stadt, sondern als das Beste, was sie sein kann.