1891 nahm Eugen Richter die Forderungen der Sozialdemokratie beim Wort und dachte sie zu Ende. Seine „Sozialdemokratischen Zukunftsbilder“ ließ er von einem gläubigen Parteigenossen erzählen, dessen Hoffnung Schritt für Schritt der tragischen Wirklichkeit weicht. Frank Schäffler, den ich kenne und schätze, überträgt dieses Verfahren auf das Berlin der Gegenwart. Das geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem die Linke als stärkste Kraft eine Koalition mit Grünen und SPD anstrebt.
Der Erzähler Kowalski ist Haustechniker einer landeseigenen Wohnungsgesellschaft in Neukölln und seit 1990 in der Partei. Durch seine Augen erleben wir die Folgerichtigkeit der Interventionsspirale, die Ludwig von Mises beschrieben hat. Auf Vergesellschaftung und Mietendeckel folgt Mangel, auf den Mangel die Zuteilung, auf die Zuteilung neue Eingriffe. Das Leben wird zum Antrag. Alles wird politisch und von schwer sichtbaren, linientreuen Netzwerken gelenkt. Bonzen fallen rasch auf – manche sind gleicher. Die Verwaltung produziert Feindbilder, um das eigene Versagen zu kaschieren. Je drastischer die Lage wird umso stärker kommen linientreue Parteigenossen zum Zuge – mit tragischen Folgen für die Menschen und ihre Familien. Deutschland hat in seiner Geschichte zwei Mal diesen extremen Systeme Raum gegeben.
Schäffler erzählt, was Bastiat das Unsichtbare nannte: die Folgen, die man nicht verspricht, die aber eintreten müssen. Ein Programm zur Behebung selbst geschaffener Probleme umfasst vierzehn Punkte, und zwölf davon belasten die eigene Klientel. Kowalski bilanziert ernüchtert, man habe auch denen etwas weggenommen, für die man immer gesprochen habe.
Bemerkenswert ist der Realismus. Die Themen sind genuin berlinerisch: Enteignung, Wohnraumbewirtschaftung, Autoverbot innerhalb des Rings. Die Absurditäten des Alltags reichen bis zum Schrank, der per Lastenrad bzw. von mehreren Menschen per Hand über einen Kilometer geschleppt werden muss. Hinzu kommt der Wettbewerb mit Brandenburg, wohin Autos, Handwerker und Bürger abwandern. Auch die Korrektive einer föderalen Ordnung fehlen nicht: Klage gegen den Finanzausgleich mit anstehender Sitzung in Karlsruhe, Mahnung des Bundes, Herabstufung durch Ratingagenturen, steigende Zinskosten und die schwebende Frage des Staatsbankrotts. Gerade die fiskalischen Passagen sind fundiert.
Schäffler räumt im Nachwort ein, die Entwicklung gerafft zu haben. Das ist legitim, denn das Genre ist eine reductio ad absurdum und keine Prognose, wenn auch prognostisch treffend. Entscheidend ist, dass Mechanismen, Sprache und Verhärtung facettenreich und treffend geschildert werden. Der pseudodemokratische Politsprech des Wahlkampfs entlarvt sich, sobald er Verwaltungspraxis wird. Wer wissen will, was (linke) Propaganda ist, erfährt es hier.
Der Text ist reduziert und dicht, und die Figuren sind glaubwürdig. Gerade deshalb überzeugt er. Ökonomie in der Anwendung, am Beispiel eines verstaatlichten Wohnungsmarktes: Es gibt derzeit kaum eine anschaulichere Lektüre über die Ordnung, die alles gerecht verteilen will und dabei zerfällt.
