Schlagwort-Archiv:Haltung

Haltung im Niedergang

Rudolf-Christoph von Gersdorff und die Frage nach Maßstäben im institutionellen Verfall

Die Autobiographie Soldat im Untergang von Rudolf-Christoph von Gersdorff ist kein Buch, das sich aufdrängt. Sie ist ruhig, sachlich, unaufgeregt. Gerade deshalb entfaltet sie eine eigentümliche Wirkung. Nicht durch dramatische Selbstinszenierung, nicht durch moralische Anklage, sondern durch die stille Evidenz einer stimmigen Lebenshaltung.

Gersdorff erscheint darin als Soldat, Gentleman, Zeitzeuge – vor allem aber als jemand, dessen Leben von einem inneren Maß zusammengehalten wird. Pflicht, Selbstdisziplin, Verantwortung gegenüber Untergebenen, Loyalität gegenüber der Ordnung, solange sie Ordnung ist. Keine Ideologisierung, keine Pose. Auch dort, wo er an den Rand des Erträglichen gerät, bleibt der Ton nüchtern. Man spürt: Hier schreibt jemand, der sich nicht rechtfertigen muss.

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Auf den Spuren einer seltenen Spezies

Ein hoch dekorierter Wehrmachtsoffizier als moralisches Vorbild? Die Brüder von Boeselager und die Kunst des Widerstands ohne Heroismus

Als Panzeraufklärer kenne ich den Namen Boeselager aus dem Wettkampf – jenen anspruchsvollen Spähparcours, der meine Truppe bis Mitte der 1990er Jahre forderte. Sein Konterfei prägte eine große Wand im Stabsgebäude. Georg von Boeselager steht für militärische Innovation: die gelungene Verbindung von Kavallerie und mechanisierten Kräften, taktische Brillanz, Tapferkeit und Führungsqualität. Doch seine wahre Größe liegt anderswo.

Das Paradox des denkenden Offiziers

Ausgerechnet ein Wehrmacht-Offizier als Vorbild für heutige Führungskräfte? Das klingt provokant. Doch Georg von Boeselager gehörte zu einer seltenen Spezies: Er war ein denkender Offizier in einer Zeit systematischen moralischen Versagens, insbesondere von Teilen der Generalität. Während seine Kameraden sich hinter „Befehl ist Befehl“ versteckten, entwickelte er eine klare Hierarchie: Gewissen über Gehorsam, moralische Verpflichtung über institutionelle Loyalität.

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Gut sterben

Dieser Text auf The Free Press hat bei mir Eindruck hinterlassen: Ancient Wisdom: How to Die Well. Charlotte Grinberg kennt sich mit dem Sterben aus. Und sie hat viele bedenkenswerte Dinge darüber zu sagen. Man kann den Text mehr als nur einmal lesen. Und man darf darüber nachdenken, statt die nächste Nachricht zu konsumieren.

Das sind drei bemerkenswerte Passagen, die den Kern des Artikels erfassen:

1. Gesellschaftliche Verdrängung: „Even when patients receive a terminal diagnosis, many of them and their families cling to the idea that there’s still more time. I often hear ‚The doctors must be wrong,‘ or ‚They’re giving up too early,‘ or ‚This is just temporary. We’ll try hospice for now.‘ We are often asked not even to use the word hospice.“

2. Der natürliche Sterbeprozess: „Most of the time, dying is not sudden or dramatic. It is not a single moment—it is a process that can go on for days, sometimes weeks and even months. Understanding this can help ease fear… the more you witness death, the more you learn to just surrender—to time, to place, to outcome.“

3. Tod als Lehrer: „I believe death should not be seen only as an ending. It is a teacher, a mirror, a catalyst. It shapes how we live, how we spend our time, where we seek meaning. Death shouldn’t be feared throughout life; it can motivate us to live better.“

Diese Passagen weisen auf zentrale Aussagen hin: Verdrängung vs. Akzeptanz, praktisches Verständnis des Sterbens, und Tod als transformative Kraft für das Leben.

Man kann zudem über den Artikel diskutieren. Sind soziale Kontakte so ziemlich das Wichtigste im Leben? Gilt das für die Masse der Menschen, für jeden? Was ist noch wichtig, vielleicht wichtiger? Wie wir gut leben und gut sterben ist nicht zuletzt eine individuelle Frage. Allerdings gibt es bedeutende Muster auf die Charlotte Grinberg hinweist.

Ein anderer Spiegel: Wenn Serien uns erkennen helfen

Über „Bosch“, Heldenbilder und das stille Echo im eigenen Leben

Fiktion erzählt nicht nur Geschichten – sie bietet Projektionsflächen. Man schaut einer Figur beim Leben zu – und entdeckt, oft unbewusst, sich selbst. Die Serie Bosch tut das auf besondere Weise. Ihre Wirkung liegt nicht in dramatischer Handlung, sondern in Haltung. Sie zeigt eine Figur, die leise wirkt, aber deutlich steht.

1. Ein moderner Held – reduziert auf Wesentliches

Harry Bosch ist kein strahlender Held. Er hat keine Superkräfte, keine Pose. Er ist ein Mensch mit Prinzipien, Unabhängigkeit, Klarheit im Urteil. Er lebt einfach – aber nicht achtlos. Er arbeitet gründlich – aber nicht gefallsüchtig. Er streitet, wo nötig – und schweigt, wo es nichts mehr zu sagen gibt.

Diese Haltung ist selten geworden. In einer Welt der Selbstdarstellung wirkt Bosch fast altmodisch. Genau das macht ihn attraktiv. Seine Kleidung: funktional, aber bewusst gewählt. Sein Zuhause: reduziert, mit Blick auf die Stadt. Seine Musik: Jazz, als Ausdruck innerer Ordnung und stiller Kraft. Sein Umgang mit Frauen: nicht blendend, aber aufrichtig. Keine Pose – Präsenz.

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