Ein stiller Selbstdenker erwacht zu neuem Leben
Jörg Späters monumentale Biographie über Siegfried Kracauer (rund 750 Seiten) ist zunächst gewöhnungsbedürftig – wer rechnet schon damit, dass die Lebensgeschichte eines Architekten-Feuilletonisten-Filmtheoretikers derart packend werden kann? Doch genau das gelingt dem Freiburger Historiker: Er erweckt einen stillen, stotternden, wenig sichtbaren Selbstdenker zu neuem Leben.
Kracauer verkörpert einen bewussten Grenzgänger: ein Intellektueller, der aus gefühlter Einsamkeit und prekären Verhältnissen heraus in Spezialistenkreisen innoviert und dabei gesellschaftliche Tiefenstrukturen freilegt. Später zeigt, wie dieser „pan-optische Deuter der Moderne“ aus großem intellektuellem Drang die „unscheinbaren Oberflächenäußerungen“ seiner Zeit – Filme, Tänze, Ornamente – zu epochalen Diagnosen destilliert. Keine Heldengeschichte, sondern das Porträt eines Außenseiters zwischen den Disziplinen.
