Es gibt Ideen, die zur falschen Zeit am richtigen Ort stehen – präzise ausgearbeitet, institutionell anschlussfähig, politisch nicht gewollt. Roland Vaubels Parallelwährungsvorschlag von 1977 gehört dazu. Fast fünfzig Jahre später, inmitten einer Debatte über digitale Zentralbankwährungen, Stablecoins und die Erosion des Vertrauens in das Eurosystem, verdient er eine Wiederentdeckung – nicht als historische Kuriosität, sondern als Beleg für eine Wegscheide, die bewusst nicht genommen wurde.
Ein Kieler Dissident
Roland Vaubel legte seine Dissertation 1977 an der Universität Kiel vor, unter Herbert Giersch, dem Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Gründungsmitglied des Sachverständigenrates – einer der prägenden Figuren der deutschen Ordnungsökonomik der Nachkriegszeit. Das Thema war die europäische Währungsunion, damals noch ein Fernziel, nach dem gescheiterten Werner-Plan und dem holpernden Europäischen Währungssystem ein ungelöstes Problem.
Vaubels Antwort war ungewöhnlich. Er fragte nicht, wie man die Wechselkurse am besten fixiert, sondern ob Fixierung überhaupt der richtige Weg ist. Seine empirische Analyse der realen Wechselkursveränderungen in der Europäischen Gemeinschaft zeigte: Die Mitgliedsländer unterschieden sich in ihren Inflationsraten und Anpassungsbedarfen so erheblich, dass eine erzwungene Kursfixierung nicht Stabilität erzeugte, sondern Anpassungslasten auf Beschäftigung und Löhne verschob. Das war ein eigenständiger Beitrag zur Theorie optimaler Währungsräume, neben Mundell, McKinnon und Kenen, nicht von ihnen abgeleitet.
Aber Vaubel blieb nicht bei der Diagnose. Er schlug einen Mechanismus vor.
Das Kernstück seiner Dissertation war der Parallelwährungsvorschlag: eine kaufkraftstabile, indexierte europäische Währung, die neben den nationalen Währungen frei zirkulieren sollte – konvertibel, ohne Zwangskurs, in ihrer institutionellen Trägerschaft bewusst offen gelassen. Kein europäischer Superstaat, keine gemeinsame Zentralbank, kein politisch beschlossener Endzustand. Stattdessen: ein Selektionsverfahren.
Die Logik war elegant. Marktteilnehmer, die Wertstabilität schätzen, würden die Parallelwährung zunehmend bevorzugen. Nationale Notenbanken, die Nachfrageverluste spürten, hätten einen Anreiz, ihre Inflationsraten an die stabilste Währung anzugleichen. Konvergenz wäre das emergente Ergebnis dezentraler Wahlhandlungen, nicht das konstruierte Ergebnis eines politischen Beschlusses. Ob am Ende eine einheitliche europäische Währung stünde, sollte der Markt entscheiden, nicht der Europäische Rat.
Vaubel kannte die Gegenargumente. Er diskutierte Skalenökonomien und Informationskosten – die echten Effizienzvorteile einer einheitlichen Währung, wie sie Brunner und Meltzer herausgearbeitet hatten. Sein Punkt war nicht permanente Währungspluralität als Selbstzweck. Sein Punkt war: Der Selektionsprozess soll über die richtige Einheitswährung entscheiden, nicht ein politisches Gremium.
Das ist wichtig, um Vaubel korrekt zu verorten. Er war kein Hayek-Epigone. Hayeks Denationalisation of Money erschien im Oktober 1976, der zugrundeliegende Vortrag „Choice in Currency“ bereits im September 1975 – Vaubels Dissertation und sein Aufsatz „Free currency competition“ (Weltwirtschaftliches Archiv 113/3, 435-461) folgten 1977, die inhaltliche Arbeit verlief weitgehend parallel. Während Hayek eine prinzipielle Trennung von Staat und Geld anstrebte, akzeptierte Vaubel das staatliche Geldmonopol als Ausgangspunkt. Er wollte es nicht abschaffen, sondern durch Nachfragewettbewerb zur Stabilität disziplinieren. Das ist ein wesentlich staatsnäherer, politisch konformerer Ansatz – und damit einer, der eher umsetzbar gewesen wäre.
Die Entscheidung gegen den Wettbewerb
1975 unterzeichnete Vaubel das All Saints‘ Day Manifesto, in dem eine Gruppe europäischer Ökonomen für eine Parallelwährungslösung warb. Es blieb ohne politische Wirkung. Der Werner-Plan, das Europäische Währungssystem, schließlich der Delors-Bericht und Maastricht – die europäische Währungspolitik wählte konsequent den konstruktivistischen Weg: politisch vereinbarte Paritäten, institutionell fixierte Endzustände, administrative Konvergenzkriterien.
Die Maastricht-Architektur ist deshalb nicht nur die erwartbare Absage an die hayekianische Radikallösung. Sie ist auch eine Absage an Vaubels wesentlich bescheideneren Vorschlag. Die Entscheidung gegen die Wettbewerbswährung war keine technische. Vaubels Konstruktion war ausgearbeitet, die Argumente lagen auf dem Tisch. Sie war politisch: eine Präferenz für organisierte Endzustände gegenüber marktlichen Selektionsverfahren, für institutionelle Kontrolle gegenüber emergenter Konvergenz.
Das ist ordnungspolitisch bezeichnend. Nicht der fehlende Beweis hat den Wettbewerbsansatz verhindert. Es war die politische Ökonomie organisierter Interessen: Notenbanken, die ihre Emissionsprivilegien schützen; Regierungen, die fiskalischen Spielraum behalten wollen; Integrationsarchitekten, die sichtbare Konstruktionen gegenüber unsichtbaren Selektionsprozessen bevorzugen.
Was bleibt
Vaubel zog die Konsequenz. In Currency Competition and European Monetary Integration (Economic Journal 1990) und in seiner späteren Maastricht-Kritik vertrat er konsequent die Position, dass der Euro das falsche Instrument für das richtige Ziel war. Er blieb damit eine Außenseiterstimme – präzise, unbequem, in der politischen Architekturdebatte folgenlos.
Das ist der eigentliche Befund. Nicht dass Vaubels Idee gescheitert ist, sie wurde gar nicht versucht. Problematisch entwickelt hat sich das Eurosystem, das an ihrer Stelle gebaut wurde: mit strukturell divergierenden Volkswirtschaften unter einem Zinsdach, mit einer Zentralbank, die durch Staatsanleihekäufe faktisch fiskalische Dominanz akkommodiert.
Vaubels Vorschlag war kein utopischer Entwurf. Er war ein institutionell durchdachter, politisch kompatibler Mechanismus, der marktliche Selektion mit staatlicher Rahmensetzung verband. Dass Entscheider in Europa ihn nicht wollten, sagt weniger über seine Qualität aus als über die Präferenzen derer, die entschieden. Das zu erinnern ist keine Nostalgie. Es ist die Vorbedingung dafür, ähnliche Entscheidungen in Zukunft klarer zu sehen.
