Wenn Beschleunigung Lenkung heißt
Institutioneller Verfall kündigt sich selten an. Er kommt nicht als Programm zur Abschaffung des Marktes, sondern als Programm zu seiner Rettung – schneller, klüger, strategischer. Die äußere Form des Marktes bleibt stehen, während seine innere Koordinationsfunktion nach oben wandert: von Preisen und unternehmerischem Urteil hin zu Zielvorgaben, Designationen und bedingten Genehmigungen. Genau das ist die Organisationswirtschaft – kein Plan im alten Sinne, aber auch keine freie Ordnung, sondern ein Drittes, das das Kostüm des Ersten trägt und nach der Logik des Zweiten arbeitet.
Eucken kannte zwei reine Typen, die Verkehrswirtschaft und die Zentralverwaltungswirtschaft. Die Organisationswirtschaft ist der Mischfall, den die Praxis ständig hervorbringt und die Theorie ungern benennt: privates Eigentum dem Namen nach, politische Lenkung der Sache nach. Sie ist weniger Doktrin als Symptom. Niemand beschließt sie. Sie akkumuliert – Krise um Krise, Ausnahme um Ausnahme, Beschleunigungsspur um Beschleunigungsspur –, weil der Verwaltungsapparat zum einzigen Instrument greift, das er beherrscht: zur Steuerung von oben. Jeder Schritt ist für sich vertretbar; die Summe ist die stetige Auszehrung jenes regelgebundenen Rahmens, auf den eine offene Gesellschaft angewiesen ist. Verfall ist eben nicht Kollaps, sondern die langsame Ersetzung von Ordnung durch Organisation.
Schwer zu widerstehen ist das Muster, weil es feedbackfrei ist. Märkte werden fortlaufend durch Gewinn und Verlust diszipliniert; gelenkte Systeme nicht – und so können sie ihre eigenen Fehler weder erkennen noch korrigieren. Sie verfestigen sie stattdessen, über den Punkt der Nützlichkeit hinaus und längst über den Punkt, an dem noch jemand wüsste, warum die Zielmarke einst gewählt wurde. Die Tragik liegt nicht in böser Absicht, sondern in der Struktur: ein Werkzeug, gebaut für klar umgrenzte, überschaubare Aufgaben, angewandt auf das eine Feld – eine komplexe, adaptive Wirtschaft –, auf dem es am schlechtesten funktioniert.
Wer das historisch zu Ende denkt, landet bei einem unbequemen Befund. In meiner Arbeit über den Wirtschaftsfaschismus habe ich gezeigt, wie weit die organisatorische Lenkung einer formal privaten Wirtschaft getrieben werden kann, ohne das Eigentum je förmlich anzutasten. Das ist kein Gleichsetzungsvorwurf – die Gegenwart ist milder, demokratisch eingehegt, dem Klima und der Resilienz verpflichtet statt der Aufrüstung auf einen Angriffskrieg hin. Aber die institutionelle Grammatik ähnelt sich: Ziele werden gesetzt, Sektoren benannt, Zugänge an Konformität geknüpft. Die Organisationswirtschaft ist kein Regime, sondern eine Richtung – und Richtungen haben kein natürliches Ende.
Der Fall: der Industrial Accelerator Act der EU. In einem Briefing für das EU Regulatory Observatory von EPICENTER habe ich das neue Vorzeigeprojekt der Kommission (COM(2026)100) untersucht – und die Organisationswirtschaft in nahezu laborreiner Form vorgefunden. Der Act bündelt echte Verfahrenserleichterung (Genehmigungsfiktion, ein einheitliches digitales Verfahren) mit einer dominierenden Lenkungslogik: einer Zielquote von 20 % Industrieanteil am BIP, benannten Vorzugssektoren, „Made in EU”-Auflagen in der Beschaffung und Local-Content-Bedingungen für ausländische Investitionen. Er reduziert die Regulierung nicht, er verlagert sie – hin zu politisch ausgewählten Branchen, unter Wahrung des formal privaten Eigentums.
Das verräterische Signal kommt von innen: Der eigene Regulatory Scrutiny Board der Kommission schickte die Folgenabschätzung zurück und monierte auch nach der Freigabe noch Schwächen – ein ungewöhnlicher Hinweis darauf, dass die Begründung dünn ist. Ein Expertenpanel verortete den Act bei 4,75 von 10 auf einer Skala von Regulierung zu Deregulierung, deutlich unter einer vergleichbaren horizontalen Vereinfachungsmaßnahme (7,5). Beschleunigung unter dem Vorbehalt politischer Konformität erkauft kurzfristige Mobilisierung – auf Kosten genau jenes Entdeckungsverfahrens, das dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit erst hervorbringt.
Ein kleiner Rechtsakt also – aber ein klarer Ausschlag auf der Skala. Die Organisationswirtschaft schreitet nicht durch Argument voran, sondern durch Anhäufung. So sieht eines ihrer Inkremente aus der Nähe aus.
→ Das vollständige Briefing bei EPICENTER: „The Industrial Accelerator Act – Faster Permits, Directed Industry.”
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Der Beitrag ist ursprünglich erschienen auf meinem deutschen Substack: Michael von Prollius
