Eigentum als Ordnung – nicht als Privileg

Die Diskussion um das Privateigentum hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschoben. Was lange als selbstverständlicher Bestandteil der marktwirtschaftlichen Ordnung galt, wird heute zunehmend als politisch disponibler Faktor behandelt: als verhandelbares Gut, als moralisch zu rechtfertigender Besitz, als sozial zu konditionierende Ressource. Eigentum erscheint nicht mehr als Ordnungsprinzip, sondern als Problemfall – je nach Größe, Herkunft oder Verwendung.

Diese Verschiebung wird häufig als Detailfrage verkannt. Es gehe, so heißt es, um Wohnraum, um Vermögenskonzentration, um soziale Gerechtigkeit oder um fiskalische Fairness. Tatsächlich aber steht weit mehr auf dem Spiel. Wer das Privateigentum relativiert, greift nicht einzelne Besitzstände an, sondern das institutionelle Fundament der Marktwirtschaft selbst – und damit zugleich eine zentrale Voraussetzung der freien Gesellschaft.

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Haltung im Niedergang

Rudolf-Christoph von Gersdorff und die Frage nach Maßstäben im institutionellen Verfall

Die Autobiographie Soldat im Untergang von Rudolf-Christoph von Gersdorff ist kein Buch, das sich aufdrängt. Sie ist ruhig, sachlich, unaufgeregt. Gerade deshalb entfaltet sie eine eigentümliche Wirkung. Nicht durch dramatische Selbstinszenierung, nicht durch moralische Anklage, sondern durch die stille Evidenz einer stimmigen Lebenshaltung.

Gersdorff erscheint darin als Soldat, Gentleman, Zeitzeuge – vor allem aber als jemand, dessen Leben von einem inneren Maß zusammengehalten wird. Pflicht, Selbstdisziplin, Verantwortung gegenüber Untergebenen, Loyalität gegenüber der Ordnung, solange sie Ordnung ist. Keine Ideologisierung, keine Pose. Auch dort, wo er an den Rand des Erträglichen gerät, bleibt der Ton nüchtern. Man spürt: Hier schreibt jemand, der sich nicht rechtfertigen muss.

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Kriegswirtschaft als Denkfehler

Eine ordnungspolitische Klarstellung

Der Begriff „Kriegswirtschaft“ erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Spätestens seit der russischen Invasion in der Ukraine und der offen strategischen Neuorientierung Chinas wird er genutzt, um einen grundlegenden geopolitischen Bruch zu beschreiben. Auch Daniel Stelter greift diese Deutung auf – unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Thesen von David Baverez.

Die geopolitische Diagnose mag in Teilen zutreffen. Ordnungspolitisch jedoch ist die Rede von der „Kriegswirtschaft“ hochproblematisch – und zwar nicht nur semantisch, sondern institutionell.

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Der stille Verfall von Institutionen

Jasay’s Garden 2026 – Muster, Mechanismen und Grenzen institutioneller Ordnung

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Jasay’s Garden widmet sich 2026 einem Thema, das selten laut verhandelt wird – und doch allgegenwärtig ist: dem Verfall von Institutionen.

Institutionen sind die unscheinbaren Träger moderner Ordnung. Sie strukturieren Erwartungen, begrenzen Macht, ermöglichen Kooperation und schaffen Verlässlichkeit über persönliche Beziehungen hinaus. Gerade deshalb werden sie meist erst dann wahrgenommen, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Der Verfall von Institutionen vollzieht sich selten spektakulär. Er geschieht schleichend: durch Überlastung, durch Regelanhäufung, durch Machtverschiebungen, durch Selbstreferenz. Oft bleibt er lange unsichtbar, weil Institutionen auch im Verfall noch arbeiten – nur schlechter, träger, widersprüchlicher.

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Sondervermögen und historische Lehren

Ein Gespräch für das Kontrafunk-Radio am 21. November 2025 gab Anlass, die gegenwärtige deutsche Aufrüstungsdebatte wirtschaftsgeschichtlich einzuordnen.

Was ist Kriegswirtschaft?

Kriegswirtschaft bezeichnet die staatliche Priorisierung militärischer Bedürfnisse in der Wirtschaft. Sie reicht von punktueller Mobilisierung einzelner Ressourcen bis zur totalen Umstellung einer Volkswirtschaft auf Rüstungsproduktion. Entscheidend ist: Kriegswirtschaft ist nie nur ein ökonomisches Phänomen. Sie greift immer institutionell in die Gesellschaft ein – durch Kapitallenkung, Arbeitszwang, Rationierung oder direkte Produktionssteuerung.

Die moderne Kriegswirtschaft entstand im Ersten Weltkrieg. Die 3. Oberste Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff etablierte erstmals systematische staatliche Lenkung von Produktion, Arbeitskräften und Kapital. Das Hilfsdienstgesetz von 1916 unterwarf faktisch die gesamte männliche Bevölkerung zwischen 17 und 60 Jahren militärischen Bedürfnissen. Diese institutionelle Invasion überlebte den Krieg – Lenkungsinstrumente blieben bestehen, Bürokratien wuchsen, Interventionismus wurde zur Normalität. Aus dem Ausnahmezustand wurde strukturelle Pfadabhängigkeit.

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Analyse der deutschen Reformunfähigkeit: Struktur, Dynamik, Ausblick

Diese Analyse beschreibt die Mechanik dieser Reformunfähigkeit:
Pfadabhängigkeiten, politökonomische Blockaden, eine überlastete Verwaltung und ein politisches Personal, dem vor allem Handlungsspielräume fehlen. Deutschland driftet – ohne dramatischen Bruch, aber auch ohne Richtung.

Ziel dieses Papiers ist es, die Funktionsweise dieses Drifts – Drift = Bewegung ohne Steuerung, Abbau ohne Kollaps – nachvollziehbar zu machen und die Punkte zu identifizieren, an denen ein späteres Erneuerungsfenster entstehen könnte. Nicht als Prognose, sondern als strukturierte Lagebeschreibung eines Landes, das zwischen Stabilität und Stillstand verharrt und vor einer dauerhaften Erschöpfung seiner institutionellen, ökonomischen und politischen Leistungsfähigkeit steht.

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Die Versuchung der Ordnung – Ein Plädoyer für die Kunst dezentral zu bleiben

Planung ist die Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum.
— Robert Nef

„Die Kunst des Fortschritts besteht darin, inmitten des Wechsels Ordnung zu wahren, inmitten der Ordnung den Wechsel aufrechtzuerhalten.“ 
— 
Alfred N. Whitehead

Jeder Garten, der ohne Gärtner gedeiht, verführt uns zu der Annahme, jemand müsse ihn geplant haben.
Wir sehen die Symmetrie seines Wachsens, das stille Gleichgewicht seines Lebens – und glauben an eine verborgene Hand. Doch da ist nur Zeit, Zufall und die leise Disziplin der Natur: ein sich selbst ordnendes System, das sich korrigiert, ohne je kommandiert zu werden. Das gelingt sogar im Fall einer Renaturierung – wunderbar beschrieben hat das Isabella Tree in ihrem Buch „Wilding. The Return of Nature to a British Farm“. Die prosperierende Natur kommt durch unsichtbaren Hände, Hufe, Flügel, Schnäbel, Knospen und Wurzeln entwickelt sich ungeplant.

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Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute

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Ronald D. Gerste, Augenarzt, Historiker, Journalist und Sachbuchautor, hat vor 10 Jahren eine populärwissenschaftliche Darstellung veröffentlicht, die Wetter- und Klimaereignisse als Faktoren historischer Entwick

lungen interpretiert. In 29 Essays verbindet er Episoden der Weltgeschichte mit meteorologischen Bedingungen – von der Antike bis in die Gegenwart.

Das Werk bewegt sich zwischen populärer Vermittlung und wissenschaftlicher Illustration. Es bietet eine Reihe selektiv gewählter Beispiele, die zumeist bildungsbürgerliche relevante Ereignisse rekapitulieren – etwa die Seeschlacht bei Salamis, die Russlandfeldzüge Napoleons und Hitlers, die Stürme gegen die spanischen Armadas – extreme Kälte-, Hitze-, Dürrephasen, letztere ist z.B. mit dem Niedergang der Maya-Kultur verbunden. Auch kulturhistorische Motive wie die Winterbilder Averkamps werden einbezogen oder die Gründung der Masse der deutschen Stäfte während der mittelalterlichen Warmzeit.

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Liberale Prinzipien im Kleinen: Was uns erfolgreiche Teams über freie Gesellschaften lehren

Richard Feynman erzählt in seinen Memoiren eine aufschlussreiche Episode aus dem Manhattan Project. Die Berechnungen für die Atombombe waren kompliziert und gingen quälend langsam voran. Dutzende Frauen saßen an mechanischen Rechenmaschinen und tippten Zahlen ein – Tag für Tag, Stunde um Stunde. Die Produktivität war miserabel.

In einer Besprechung diskutierte man Lösungen. Höhere Bezahlung? Bonuszahlungen? Strengere Kontrollen? Feynman stellte eine simple Frage: „Wissen die überhaupt, woran sie arbeiten?“

Betretenes Schweigen. Natürlich wussten sie es nicht. Geheimhaltung. Aber Feynman bestand darauf: „Sagt es ihnen.“

Man tat es. Und die Produktivität explodierte.

Die Rechnerinnen tippten nicht mehr nur Zahlen. Sie arbeiteten daran, den Krieg zu beenden und die westliche Zivilisation zu retten. Dieselben Menschen, dieselben Maschinen, dieselbe Aufgabe – aber mit Sinn und Zweck.

Was Teams und freie Gesellschaften gemeinsam haben

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Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biographie

Ein stiller Selbstdenker erwacht zu neuem Leben

Jörg Späters monumentale Biographie über Siegfried Kracauer (rund 750 Seiten) ist zunächst gewöhnungsbedürftig – wer rechnet schon damit, dass die Lebensgeschichte eines Architekten-Feuilletonisten-Filmtheoretikers derart packend werden kann? Doch genau das gelingt dem Freiburger Historiker: Er erweckt einen stillen, stotternden, wenig sichtbaren Selbstdenker zu neuem Leben.

Kracauer verkörpert einen bewussten Grenzgänger: ein Intellektueller, der aus gefühlter Einsamkeit und prekären Verhältnissen heraus in Spezialistenkreisen innoviert und dabei gesellschaftliche Tiefenstrukturen freilegt. Später zeigt, wie dieser „pan-optische Deuter der Moderne“ aus großem intellektuellem Drang die „unscheinbaren Oberflächenäußerungen“ seiner Zeit – Filme, Tänze, Ornamente – zu epochalen Diagnosen destilliert. Keine Heldengeschichte, sondern das Porträt eines Außenseiters zwischen den Disziplinen.

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